Kulturgeschichte – Populäre Musik. Der König des Italo- Pop/Italo-Disco – DEN HARROW

Den Harrow war ein effizient durchkalkuliertes Produkt der italienischen Musikindustrie. Der international erfolgreichste Act der Italo-Disco.  Hinter dem Produkt Den Harrow standen der italienische Dressman Stefano Zandri und die Musikproduzenten Miki Chieregato und Roberto Turatti. Einige Interpreten des Italo-Disco hatten bereits großen Erfolg, meist aber nur mit einem einzigen Song und ihr großer Erfolg in Italien konnte außerhalb der Landesgrenzen nicht in gleichem  Maß wiederholt werden. Erst mit Den Harrow gewann Italo-Disco eine internationale Bedeutung. Ihm gelangen 8 Hits in den Top-Ten von mehr als 20 Ländern. Drei Alben wurden mit Gold und Platin ausgezeichnet.  In Deutschland konnte Den Harrow zeitweise Michael Jackson von Platz 1 der beliebtesten Popkünstler verdrängen.

Italo-Disco ist eine Variante des Italo-Pop, eine spezielle Stilrichtung populärer Musik aus Italien, die in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts  sehr erfolgreich war. Während der Italo-Pop im Allgemeinen auch viele Balladen hervorbrachte und in der musikalischen Komposition unterschiedliche Akustikinstrumente verwendete, setzte Italo-Disco ausschließlich auf rhythmische, tanzbare Musik und elektronische Instrumentierung. Italo-Disco kann so auch dem Genere Elektro-Pop zugeordnet werden. Italo-Disco war sehr kommerziell, bildet musikgeschichtlich jedoch ein Vorbild für, die sich später  entwickelnde, House-Music und Techno-Szene.  Auch viele nicht-italienische Musikproduzenten ließen sich vom Sound des Italo-Disco inspirieren.

Charakteristisch für Italo-Disco ist ein 4/4 Takt, der konsequent bei einzelnen Musikstücken durchgezogen wird, eine sehr tiefe Basslinie, der Einsatz bzw. der Klang der großen Trommel und das Geräusch einer kleinen Trommel, die wie ein rhythmische Händeklatschen klingt. Unentbehrlich natürlich der Synthesizer und Drumcomputer. Die Melodien mussten stets sehr eingängig sein.  Der Gesang wurde technisch in den Vordergrund gezogen, quasi über die Instrumentierung gelegt.

Die damals neueste elektronische Technologie zur Erzeugung von Klängen begeisterte viele Komponisten und Musikproduzenten, so dass die Musik sehr elektrolastig wurde. Aber genau das war es, was viele Menschen in dieser Zeit begeisterte.  Die Musik klang modern, kühl, lässig und souverän. Italo-Disco signalisierte ausdrucksstarke, aber immer noch kontrollierte Emotionalität. Man könnte es auch mit dem Begriffen Coolness oder Beherrschung umschreiben. Ein selbstbewusstes Bekenntnis zu starken Emotionen, ein Spiel mit Emotionen, ohne die vollkommene  Selbstbeherrschung zu verlieren (sehr schön dargestellt in dem Video „Bad Boy“). Der genaue Gegensatz wäre eine nervöse Geisteshaltung und Stimmung, mit einer Tendenz zur Selbstauflösung; vielleicht sogar das Abdriften in eine andere Realität. Das sollte es auf keinen Fall sein! Damit stand Italo-Disco vollkommen kontrovers zu den, gewollt grenzüberschreitenden, musikalischen Experimenten der 60er und früher 70er Jahre.

Keine Stilrichtung in der populären Musik ohne den passenden gesellschaftlichen Hintergrund. Anfang der 80er Jahre erlebte vor allem der Norden von Italien einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nicht mehr der Protest bzw. ein Aufbegehren gegen das politische Establishment waren jetzt gefragt, sondern das Feiern des Erfolgs. Die Menschen wollten die erreichte Veränderungen im gesellschaftlichen Leben und den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Erfolg feiern. Das Leben sollte glitzern. Italo-Disco lieferte dazu den passenden Sound. Eine Bewegung, die sich gegen Tristesse und Verweigerung richtete. Vergangenheit, auch Gegenwart, wurden als absolut überwindbar wahrgenommen. Zukunft war das Thema (siehe auch den Hit von Den Harrow „Future Brain“). Besonders in Mailand entstanden zu diesem Zeitpunkt viele Clubs, Tanzlokale in denen „abgefeiert“ wurde.

Stefano Zandri wurde nach eigenen Aussagen in Boston (USA) geboren und ist in Italien aufgewachsen.  Schon in jungen Jahren wurde er in Italien unter dem Namen „Denaro“ zu einem gut beschäftigten Male-Model. In einer Diskothek in Mailand kam er Anfang der 80er Jahre in Kontakt mit den Musikproduzenten Chieregato und Turatti. Sie erkannten sofort das Vermarktungspotential von Stefano Zandri für die Musikindustrie.  Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Stefano Zandri noch nie öffentlich gesungen. Er zeigte sich als ein sehr guter Performer, er wusste sich zu bewegen. Und er war ein „Blonde Bombshell“, wie es im amerikanischen heißt, wenn man eine besonders attraktive Person mit blonden Haaren charakterisieren will.  Seine Gesangsqualitäten waren eher mäßig. Die ersten Tests waren enttäuschend. Stefano Zandri bekam Gesangsunterricht und Gesangstraining, doch das führte auch nicht viel weiter.

Inzwischen waren schon die ersten Songs geschrieben und komponiert. Die Produzenten wollten so schnell wie möglich mit den CDs auf den Markt, um den bereits erfolgreichen Italo-Pop weiter auszubauen. Da kam Roberto Turatti auf die Idee, einen der Song-Komponisten singen zu lassen, den (noch unbekannten) amerikanischen Sänger Tom Hooker. Stefano Zandri sollte zum Playback nur den Mund bewegen und das Lied präsentieren. So wurde es auch gemacht und die Wirkung war damals beeindruckend. Aus dem Dressman „Denaro“, Stefano Zandri, wurde so der Interpret „Den Harrow“. Ein ganzes Team von Stylisten und Make-Up-Artists wurde für das öffentliche Erscheinungsbild von Den Harrow engagiert und die Vermarktungszielgruppe festgelegt: In erster Linie Mädchen und junge Frauen. Den Harrow wurde sorgfältig als männliches PinUp in Szene gesetzt; eine Kunstfigur über deren realen Lebenshintergrund man kaum etwas erfuhr. Bis heute ist aus der Biografie von Den Harrow so gut wie nichts bekannt. Keine Homestorys, keine ausführlichen Interviews. Eine Projektionsfläche für Wünsche, Träume, Vermutungen. Ein Eyecatcher zur Bewunderung. Ein Teenie-Idol. Das war und ist Den Harrow. Sex sells, ist eindeutig eine Komponente des Produkts. Bei Auftritten von Den Harrow gehörte nicht selten ein Striptease dazu. Gelegentlich warf er eine Handvoll Kondome in das kreischende Publikum. Das Konzept ging voll auf.

Bei seinen Auftritten wurde Den Harrow stets synchronisiert, auch bei Live-Konzerten. Technisch wurde es so gut organisiert, dass er immer die Möglichkeit hatte mit seinem Publikum zu kommunizieren und er konnte beim Gesang Takes mit eigener Stimme geschickt einfügen. So fiel es niemandem auf, das Den Harrow nicht selber sang. Seine Synchronstimmen waren Chuck Rolando, Silvio Pozzoli und Tom Hooker. Mit der Stimme von Tom Hooker produzierte er die ersten zwei, sehr erfolgreichen Alben. In dem Moment wo Tom Hooker aus dem Projekt ausstieg, begann auch der Stern von Den Harrow zu sinken. Aufmerksamen Hörern fiel auf, dass die Stimme von Den Harrow auf dem dritten und vierten Album ganz anders klang. Der ein oder andere Musikkritiker äußerste schon mal den Verdacht, das Den Harrow nicht selber singt. Aber diese sich vorsichtig entwickelte Kritik, änderte nichts an dem enorm großen Erfolg von Den Harrow. Seine Fan-Gemeinde hielt fest zu ihm….und das bis heute. Und daran wird deutlich: Die Wirkung von Den Harrow beruhte nicht allein auf dem Gesang, sondern auf dem Gesamtpaket: Person, Image, Musik, Performance. Allerdings, die eigentliche Karriere von Den Harrow war ohne passende Synchronstimme beendet. Tom Hooker und Chuck  Rolando zum Beispiel, strebten eine eigene Solokarriere an. Nicht weiter tragisch, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten alle Beteiligten des Projekts einige Millionen verdient.

Stefano Zandri  ist unter seinem Pseudonym Den Harrow immer noch als Entertainer und Performer unterwegs. In den letzten Jahren wieder mehr, weil Italo Disco ein Revival erlebt. Erst 2012 hatte Den Harrow öffentlich in einem Fernsehinterview zugegeben, das er niemals selber gesungen hat. Zwar versucht er es gegenwärtig bei Live-Auftritten auch mit eigener Stimme, aber immer mit einer Synchronstimme im Hintergrund. Das führte 2010 zu einem unschönen Rechtsstreit. Tom Hooker verlangte von Den Harrow Tantiemen, dafür das er immer noch bei Auftritten seine Stimme benutzt.  In der italienischen Öffentlichkeit wurde dieser Streit sehr emotional zur Kenntnis genommen und heftig diskutiert. Das änderte aber nichts an der immer noch vorhandenen  Popularität von Den Harrow,  der  – mittlerweile fast 60 Jahre alt –  immer noch mit seinen alten Hits durch die Lande tingelt.

Der Song „Don`break my heard“ war der größte Erfolg von Den Harrow. International 20 Wochen in den Top Ten.

Das Video „Bad Boy“ zeigt eine typische Performance von Den Harrow und der Song selbst spiegelt das Wesen des Italo-Disco-Pop.

Der Song „Take me“ gehörte ebenfalls zu den Erfolgen von Den Harrow, zielte aber nicht in erster Linie auf ein jugendliches Publikum. Das Musik-Produkt Den Harrow sollte, über den zuerst angestrebten Zielgruppen hinaus, ein breites Party-Publikum ansprechen, das die allgemeine Aufbruchstimmung im Italien der 80er Jahren feierte. Sex sells, wird bei dieser Performance pointiert in Szene gesetzt und zielt auf die Wahrnehmung des Images von Den Harrow als „handfesten“ Typ mit einer Spur von Aggressivität. Während des Auftritts geht Den Harrow auf eine Zuschauerin zu und animiert sie, ihm in den Schritt zu fassen. Aus heutiger Sicht (2019) könnte man dies durchaus – sehr kritisch – als eine sexistische Darstellungsform bezeichnen. Dem würde ich jedoch entgegen setzen, das es sich hier eher um ein Plädoyer für einen selbstbewussten Umgang mit der eigenen Persönlichkeit handelt. Im Song heißt es sinngemäß, du hast die Chance einen Wandel in deinem Leben herbeizuführen. Schau nicht zurück, sondern nach vorn. Die Zukunft ist sichtbar. Warum nutzt du die Gelegenheit nicht. Du bist so schön, dir stehen alle Türen (Möglichkeiten) offen. Ich würde alles geben, um die Gelegenheiten zu halten, die sich mir bieten. Sei mutig, nimm mich, wenn du es willst (greif nach deinen Träumen). Sei nicht traurig, sei ruhig ein wenig verrückt. Wage einfach das, was dir unmöglich erscheint! Damit charakterisier der Song „Take me“ Aspekte des psychosozialen Klimas der 80er Jahre.

Rolf-Michael Hilkenbach

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Das Lästermaul

Eine aktuelle Meldung der Tagesschau (15.5.2019) : Clara Mayer „Friday for Future“ Aktivistin spricht vor der  Aktionärsversammlung des VW-Konzerns. Zitat: „Die 18-jährige Schülerin hat auf der Hauptversammlung von Volkswagen den Autokonzern, seine Manager und seine Aktionäre in einer knapp fünfminütigen Rede kritisiert“.

Ein Kommentar dazu von „DildoShwaggins“ auf Instagram: Ja, Klimaschutz ist wichtig, keine Frage. Aber warum muss man jede Woche ne neue 18 jährige dahin stellen, die einem wieder sagt was man zu tun hat ?

Meine Antwort auf diese Frage:

Weil das im Moment „In“ ist. Die westliche Welt hat eine neue Religion kreiert: Die Klimakirche. Dazu gehören weibliche Jugendliche, die betont emotional die Anbetung des Klimaschutzes einfordern…..und so nebenbei als Klima-Maria in Szene gesetzt und verehrt werden…Oder als Jeanne D’Arce im Klimakampf. Die personifizierte Unschuld, die  der bösen, lasterhaften Erwachsenenwelt den Sühne-Spiegel vorhält. Und die Erwachsenen kasteien sich vor der jugendlich reinen  Klima-Inkarnation, fallen auf die Knie, bekennen ihre Schuld und hoffen auf huldvolle Vergebung. Vergebung durch die Verehrung der jugendlichen Naivität und Unschuld. Sie versprechen Besserung und aktuelle Verbrechen der bösen Erwachsenenwelt, wie die schreckliche Hungersnot im Jemen, wo lebende Skelette auf den Straßen wandeln oder allgemeiner, die dramatisch zunehmende Spaltung westlicher Gesellschaften in Reich und Arm können weiterhin im Schatten bleiben….denn Klima-Maria  scheint eine gefühlte Absolution zu versprechen, wenn man ihren Forderungen ein öffentliches Podium gibt. Das beruhigt so unheimlich stark. Es ist doch so einfach! …. Und gleichzeitig so schrecklich dämlich….

Rolf-Michael Hilkenbach

Haute Couture: Die gehobene Schneiderei. Zur Erinnerung an Karl Lagerfeld (1933-2019)

Haute Couture, die gehobene Schneiderei, ist die absolute Königsdisziplin der Bekleidungsindustrie.  Eigentlich darf man hier den Begriff  Industrie gar nicht verwenden, denn es ist immer noch reines, exklusives Handwerk. Für die Mode- und Bekleidungsindustrie spielt Haute Couture nach wie vor eine wichtige Rolle, weil sie immer noch spektakulär die Aufmerksamkeit auf das Thema Mode und ihre Hersteller lenkt. Haute Couture, ist  für einige Modehäuser  bzw. spezielle Modemarken  trotz rückläufiger Verkaufszahlen,  immer noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie dient heute  allerding vornehmlich  der Imagepflege. Haute Couture ist hochpreisige Mode für einen sehr übersichtlichen Ausschnitt der internationalen Upperclass. „Normal Sterbliche“ können sich solche Bekleidungsstücke  meist nicht leisten.  Ein Kleid kann schon mal bis zu 100.000 Euro kosten. Ein Anzug oder eine Kombination für Männer ebenfalls ca. ab 30.000 Euro aufwärts.

Anders als der französische Begriff vermuten lässt, wird die gehobene Schneiderkunst nicht nur in Frankreich gepflegt.  Italien („Alta Moda“,  hohe Mode) und Großbritannien („fine  tailoring“, gehobene Herren-Maßschneiderei) sind ebenfalls klassische Zentren für diese Bekleidungskategorie.  In Frankreich ist der Begriff „Haute Couture“ gesetzlich geschützt und darf nicht einfach von jedem Modehaus  bzw. jedem Bekleidungshersteller verwendet werden. Für die Haute Couture gibt es ganz bestimmte, klar definierte Herstellungsregeln. Es sind immer Einzelanfertigungen, Unikate. Es wird stets für einzelne Kundinnen und Kunden auf Maß gearbeitet. Für die Herstellung werden ausschließlich hochwertige Stoffe und Materialien verwendet.  Alles ist Handarbeit von hochspezialisierten Handwerkerinnen und Handwerkern.  Auch wenn man diese Art von Bekleidung nicht unbedingt mag oder sie sozial für zu snobistisch und elitär halt, kann man jedoch feststellen, dass es sich um eine Handwerkskultur auf sehr hohem Niveau handelt, die es nicht mehr gäbe, wenn es nicht doch immer wieder Menschen geben würde, die bereit sind, viel Geld für diese handgefertigte Bekleidung  auszugeben.  Die Designer  der Haute Couture sind sicherlich sehr wichtig und stehen stets im Vordergrund der Präsentationen, aber die eigentlichen Künstlerinnen und Künstler im Hintergrund sind die Schneiderinnen, Näherinnen und Stickerinnen, Schuhmacher, Stoffweber  usw.  Von diesen Menschen hört man kaum etwas.  Aber ohne ihre Handwerkskunst wäre Haute Couture nicht möglich. Haute Couture erhält, ohne Zweifel, eine spezielle Kulturleistung. Ohne Haute Couture würde es einige Berufe in der Herstellung von Bekleidung nicht mehr geben. Die mit diesen Berufen verbundenen Fähigkeiten würden, ohne diese spezielle Spielart der Mode und Bekleidung, aussterben.

Menschen, die Haute Couture tragen, wollen in erster Linie mit Kleidung repräsentieren und selbstbewusst ihren sozialen Status  zeigen. Auch wenn diese Art der Bekleidung  in einer Casualvariante erscheint, ist stets das Besondere zu erkennen. Eine Kleidung, die durch Exklusivität und Extravaganz Menschen besondert, unterscheidet, hervorhebt, aus dem Alltäglichen herausnimmt.  Haute Couture ist alles andere als demokratisch. Ihre historischen Wurzeln liegen bei der höfischen Kleidung des Adels.  Erfinder dieser Bekleidungskategorie ist der englische Modedesigner Charles Frederick Worth. Im Jahr 1858 eröffnete er in Paris das erste Modehaus für luxuriöse Damenmode mit jährlich wechselnden Kollektionen, die von  Models  vorgeführt wurden. Das war damals ganz neu. Eine seiner prominentesten Kundinnen war die Kaiserin Elisabeth von Östereich. Das Kleid, das sie auf dem berühmten Porträt-Gemälde von  Franz Xaver Winterhalter trägt, ist eine Kreation von Worth.

Und nun folgen zwei Videos, die sehr anchaulich Haute Couture darstellen.

Im ersten Video wird die Haute Couture Kollektion Frühjahr/Sommer 2019 von Chanel gezeigt. Es war eine der letzten Kollektionen, für die Karl Lagerfeld vor seinem Tod verantwortlich war. An der Präsentation im Januar 2019 konnte er schon nicht mehr persönlich teilnehmen.  Die Art der Präsentation dieser Kollektion weist darauf hin, an welche Zielgruppe sich diese Mode richtet.  Und wie schon angemerkt: Es gibt auch Haute Couture für Männer.  Prädestiniert dafür ist das italienische Modehaus Dolce & Gabbana. Diese Männermode bewegt sich weit ab vom klassischen Anzug. Im zweiten Video wird auch hier die Kollektion Frühjahr/Sommer 2019 gezeigt.  Einige Malemodels bei dieser Show tragen bewusst,  mit viel Ironie,  eine Krone. Es ist Prinzenmode! Haute Couture bewegt sich immer abweichend vom Mainstream des Alltäglichen. Und gerade durch diesen Willen zum moderaten Unangepassten, kann sie in Teilaspekten durchaus innovativ wirken.  Deshalb ist die Haute Couture bis heute ein Orientierungsmaßstab für die internationale Modebranche. Haute Couture ist gerade in unserer Gegenwart gesellschaftlich stets provokant, ein Widerspruch zum Einerlei, ein Widerspruch zum Üblichen, ein Widerspruch zur Standardisierung  mit einem starken Willen die Individualität des Menschen mit viel Glanz und Kostbarkeit zu veredeln. Haute Couture ist ein Ausdruck von Lebensfreude.

Chanel- Haute Couture Frühjahr/Sommer 2019

Dolce & Gabbana Frühjahr/Sommer 2019 – Haute Couture Männermode

Rolf-Michael Hilkenbach

Der „Bade-Prinz“ – Fünf Wochen Reichskanzler

Prinz Max von Baden 2
Prinz Max von Baden war der letzte Reichskanzler im Deutschen Kaiserreich am Ende des Ersten Weltkrieges. Er hatte dieses Amt ganze fünf Wochen inne und wurde dadurch zu einer bedeutenden historischen Persönlichkeit. Das ist umso interessanter, wenn man aus seiner Biografie erfährt, dass er sich selbst als einen vollkommen unpolitischen Menschen sah, der sich in seinem Leben eigentlich mehr „den schönen Künsten“ zuwenden wollte. Ein geborener „Schöngeist“. Er liebte das Lesen und die Literatur, ganz besonders die Musik und hier vor allem die Musik von Richard Wagner. Er war regelmäßig zu Gast bei den Bayreuther Festspielen. Seine beste Freundin war die dreißig Jahre ältere Cosima Wagner. Nach dem Abschluss eines Juraexamens und der anschließenden Ausbildung bei Militär zum Offizier im Heer, studierte er noch Musik und machte eine Gesangsausbildung.

Mit seiner Position als Thronfolger im Großherzogtum Baden kam er nur sehr schwer zurecht. Das entsprach nicht seiner Lebensplanung. Nachdem jedoch der eigentliche Thronfolger, sein Cousin und bester Freund, in sehr jungen Jahren verstarb und der nächste, wesentlich ältere Thronfolger, in seiner Ehe kinderlos blieb, kam diese Verantwortung auf Prinz Max zu. Er hatte damit nicht wirklich gerechnet.

Erst durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges wurde Prinz Max zum politischen Menschen. Wiederstrebend, aber pflichtbewusst, wie es von einem Angehörigen der regierenden Aristokratie erwartet wurde, meldete er sich für den Dienst an der Front. Schon nach den ersten Kampfeinsätzen brach er seelisch und körperlich zusammen. Für den aktiven Kriegsdienst im Kampfeinsatz war er nicht geeignet. Er suchte sich eine neue Aufgabe und fand sie in der Fürsorge für die Kriegsgefangenen. Das Schicksal der Soldaten war sein besonderes Anliegen. Als Ehrenpräsident des „Badischen Roten Kreuzes“ fühlte er sich verantwortlich für alle Kriegsgefangenen, egal welcher Nation sie angehörten. Besonders beliebt wurde er durch dieses Engagement nicht. In der Öffentlichkeit wurde er deswegen herabsetzend als „Sanitäts-General“ oder „Bade-Prinz“ tituliert. Um seiner Aufgabe, in der Kriegsgefangenenfürsorge gerecht zu werden, musste Prinz Max von Baden ein gutes diplomatisches Geschick entwickelt. Er verhandelte hier nicht nur mit der deutschen Heeresleitung, sondern auch mit französischen, englischen und russischen Militärverantwortlichen und hohen politischen Beamten unterschiedlicher Nationalität. Das brachte ihm als Verhandlungspartner einen guten Ruf ein, so dass man ihn wahrscheinlich deshalb als geeignet ansah, die Friedensverhandlungen zum Ende des Krieges politisch zu managen.

Er war der erste Reichskanzler, der die Sozialdemokratie (SPD) in sein Kabinett mit einbezog. Bereits vor seinem Amtsantritt, pflegte er einen intensiven Kontakte zu Friedrich Ebert, den späteren Reichskanzler und ersten Reichspräsidenten. Obwohl Prinz Max sich immer für den Erhalt der Monarchie eingesetzt hatte, musste er die Abdankung des Kaisers verkünden. Dafür wurde er später von konservativen Kreisen als Verräter geächtet….und von der Kaiserin erpresst. Die Kaiserin Augusta drohte ihm, seine sexuellen Vorlieben an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn er sich nicht bedingungslos loyal zum Kaiser zeigen würde. Aber auch bei der politisch Linken und den demokratischen Liberalen konnte er – als Vertreter des feudalen aristokratischen Systems – keine Anerkennung finden.

Nach seinem Rücktritt als Reichskanzler wollte er sich nie wieder politisch betätigen. Stattdessen sah er die Zukunft gesellschaftlicher Reformen mehr in der Bildung und Erziehung junger Menschen. Er gründete, zusammen mit dem Reformpädagogen Kurt Hahn, das Landerziehungsheim Schloss Salem.

Warum ist es außerdem lohnenswert, sich mit der Biografie des Prinzen Max von Baden zu beschäftigen? Man erfährt einiges zur Sozial- und Kulturgeschichte der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich. Zum Beispiel: Wie ist es um einen schwulen Mann bestellt, der diese Seite seiner Persönlichkeit mit der öffentlich herrschenden Mentalität überhaupt nicht vereinbaren kann? Man lernt auch noch andere Personen kennen, wie den bedeutenden schwedischen Psychiater Axel Munte, der auf der Insel Capri im luxuriösem antikisierendem Ambiente die psychischen Probleme der europäischen Upper-Class therapierte, oder den evangelischen Pastor Johannes Müller, der eine religiöse Lebensreformbewegung ins Leben rief, die im Deutschen Kaiserreich tausende von Anhängern hatte, und natürlich den jüdischen Intellektuellen und Pädagogen Kurt Hahn, der zum wichtigsten Politikberater von Prinz Max wurde und der auch seine Reden schrieb.

Rolf-Michael Hilkenbach

Sehenswert! Die Filmdokumentation des SWR „Prinz Max von Baden – Kanzler zwischen Kaiserreich und Republik“

 

Eine sehr lesenswerte Biografie über Prinz Max von Baden

Happy Birthday, Madonna! 60 Jahre

 

 

HÖRENSWERT UND SEHENSWERT! Ein Kunstwerk der Popkultur: „Frozen“ der wohl erfolgreichste Song von Madonna, thematisiert das Wesen eines emotional eingefrorenen Menschen.

Das Lied wurde von Craig Armstrong fast ausschließlich in f-Moll arrangiert, um die seelische Dunkelheit und Kälte melodisch zu transformieren. Die Weltferne und Distanz wird musikalisch kunstvoll durch eine Kombination von orientalisch-arabischen Percussion-Elementen mit dunklen elektronischen Tönen ausgedrückt.

Gestaltet wurde das Video von dem Videokünstler Chris Cunningham. Bei der Motivwahl und Ästhetik seiner Inszenierungen, greift Cunningham häufig auf den Surrealismus zurück. Für das Video zu diesem Film lies er sich von Bildern des Malers John William Waterhouse inspirieren, ganz speziell von dem Gemälde „Miranda -The Tempest“ aus dem Jahr 1916, das eine Szene aus dem Shakespeare-Drama „Der Sturm“ aufgreift. Zu sehen ist eine Frau, die mit windzerzaustem Haar einem untergehendem Schiff nachschaut.

Das Kleid, dass Madonna in diesem Video trägt, ist dem Kleid der Frau auf dem Bild nachempfunden und wurde von dem französischen Modedesigner Jean-Paul Gaultier in schwerer schwarzer Seide entworfen. Die ganze Atmosphäre des Videos orientiert sich an der Gothic-Subkultur: Depressives Lebensgefühl, Melancholie, Mystik, Beschäftigung mit dem Tod, Endzeitromantik als Ausdruck von Skepsis und Verweigerung gegenüber jeder Form von Konventionalität.

Rolf-Michael Hilkenbach

Mord in Sarajevo

Östereich Erzherzog

28. Juni 1914, FRANZ FERDINAND VON ÖSTERREICH-ESTE, ERZHERZOG UND SOPHIE MARIE GRÄFIN CHOTEK, HERZOGIN VON HOHENBERG werden bei einem Staatsbesuch in Serbien während einer Fahrt durch die Stadt Sarajevo ermordet. Dieses Attentat wurde zum Auslöser für den Ersten Weltkrieg.

Franz Ferdinand von Österreich-Este konnte erst zum österreichischen Thronfolger werden, nachdem sein Cousin Kronprinz Rudolf (Mayerling-Affäre) sich das Leben genommen hatte und sein Vater, der Erzherzog Karl Ludwig, unerwartet verstorben war. So wurde er relativ schnell in eine Position gebracht, auf die er nicht unbedingt vorbereitet war.

Seine Ehe mit Sophie Marie galt als nicht standesgemäß. Seine Frau stammte aus einem den Habsburgern „nicht ebenbürtigem“ böhmischen Adelsgeschlecht. Kaiser Franz Joseph weigerte sich bis zuletzt ihre Herkunftsfamilie als ebenbürtig anzuerkennen. Deshalb kam nur eine morganatische Eheschließung in Frage. Sophie Marie durfte nicht den Namen Habsburg tragen. Die Nachkommen aus dieser Ehe hatten keinen Anspruch auf die österreichische Thronfolge und durften „nur“ den Namen der Mutter führen. Die Hochzeit fand in kleinem Rahmen statt, an der niemand von der Familie Habsburg teilnahm. Erst im Jahr 1909 war Kaiser Franz Joseph bereit, Sophie Marie in den Stand einer Herzogin zu erheben. Damit galt sie jetzt als gesellschaftlich angemessen positioniert und konnte auch jetzt erst an öffentlichen Auftritten zusammen mit ihrem Mann teilnehmen. Sie bekam den Titel einer Herzogin von Hohenberg. Franz Ferdinand und Sophie Marie wurden so auch zu Begründern des Adelsgeschlechts Hohenberg, das bis heute existiert. Wegen der nicht standesgemäßen Ehe konnten die beiden nach ihrem Tod nicht in der Kapuzinergruft der Habsburger beigesetzt werden. Die Kinder aus dieser Ehe wurden erbrechtlich von der Thronfolge im Haus Habsburg ausgeschlossen. Das Grab von Franz Ferdinand und Sophie Marie befindet sich auf ihrem Wohnsitz Schloss Arstetten.

Franz Ferdinand war nie unmittelbar an der politischen Führung der KuK Monarchie Österreich-Ungarn beteiligt, aber als Mitglied des Beraterstabes um den greisen Kaiser Franz Joseph konnte er aktiv an der kaiserlichen Politik mitwirken. Franz Ferdinand war kein Sympathieträger, kein Kommunikator und wenig diplomatisch in seinen öffentlichen Äußerungen. Er machte sich mit seinen unüberlegten Auftritten und politischen Bemerkungen viele Feinde, war dadurch in dem spannungsreichen Beziehungsgefüge des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn nicht unbedingt ein integrierender und ausgleichender Faktor.

Franz Ferdinand wurde wahrscheinlich ermordet, weil er ein Förderer und Mit-Entwickler einer durchaus fortschrittlichen politischen Idee für eine zukünftige Neuordnung des Vielvölkerstaates war. Österreich-Ungarn sollte nach dieser Idee ein Bund teilautonomer Staaten werden. Die einzelnen Bundesstaaten sollten auf einer ethnisch-sprachlichen Grundlage neu gebildet werden. Dieser Staatenbund sollte heißen „Vereinigte Staaten von Groß-Österreich“. Hätte sich dieses Modell durchgesetzt, würde es vielleicht den Vielvölkerbund Österreich-Ungarn heute noch geben. Dieses politische Modell, stand aber in Konkurrenz zu den Bestrebungen Serbiens, als Groß-Serbien, auf dem Balkan als gleichberechtigt neben Österreich-Ungarn anerkannt zu werden. Es hätte auch eine Teilautonomie von Herzegowina und Bosnien bedeutet, die von Österreich annektiert worden waren. Die Teilautonomie hätte Serbiens Position auf dem Balkan relativiert und den politischen Anspruch auf die Gebiete Herzegowina und Bosnien in Frage gestellt. Von serbischen Separatisten wurde deshalb der Besuch des österreichischen Thronfolgers als Provokation empfunden.

Österreich-Ungarn wollte mit diesem Staatsbesuch noch einmal deutlich machen, dass über eine politische Neuordnung auf dem Balkan Gespräche geführt werden können (die serbische Regierung war verhandlungsbereit). Österreich-Ungarn wollte eine ausgleichende politische Beziehung zu Serbien, aber zu Bedingungen einer politischen Neuordnung die von Österreich-Ungarn wesentlich festgelegt werden sollte. Die Ermordung des Thronfolgers und seiner Frau war für Österreich-Ungarn der Anlass endlich diese konfliktbehaftete Situation ein für allemal zu klären. Das Ultimatum das Österreich-Ungarn an Serbien richtete, macht dies besonders deutlich. Um das auslösende Ereignis des Ersten Weltkrieges zu verstehen, lohnt es sich, dieses Schriftstück zu lesen.

Der folgende Link führt zu dem Dokument.
http://www.forost.ungarisches-institut.de/pdf/19140722-1.pdf

 

Rolf-Michael Hilkenbach

Überlegungen zur Dreifaltigkeit

 

Dreifaltigkeit

Anlass zu diesen Überlegungen bot eine Frage, wie die Dreifaltigkeit Gottes (drei Personen in einer Wesenseinheit) einem Nicht-Christen erklärt werden könnte. Das sehr bekannte Bild dazu stammt aus dem 14. Jahrh. und wurde von Andrej Rublev gemalt. Eine Kopie von diesem Bild auf einer Holzplatte bekam ich zur Erinnerung an meine Erstkommunion geschenkt. Insofern ist es auch ein Thema, das mich seit meiner Jugend auf die ein oder andere Weise immer wieder beschäftig hat und sei es auch nur, wenn ich auf dieses Bild schaute, das neben meinem Bett an der Wand hing.

Augustinus von Hippo (Bischof und Kirchenlehrer) erklärt die Dreifaltigkeit Gottes so: Überall da wo die Liebe ist, gibt es einen Liebenden, einen Geliebten und eine Quelle der Liebe, also eine Quelle der personalen Anerkennung, Zuneigung und der Wunsch nach Bindung.

Tatsächlich wäre hier die Quelle der Liebe, die Beziehung. Beziehung ist nicht unabhängig von den Subjekten, aber ihrem Wesen nach eigenständig. Ein Phänomen, das sich ereignet. Im allgemeinen sprechen wir davon, dass Beziehung hergestellt wird oder hergestellt werden muss. In Wirklichkeit öffnen wir uns einem Geschehen, entwickeln die Bereitschaft für ein Ereignis. Die gelingende Beziehung verbindet isolierte Individualitäten zu einer Ganzheit, ohne die Individualitäten in ihrem Sein zu negieren oder gravierend zu beeinträchtigen. In diesem Beziehungsgeschehen ereignet sich Veränderung in Form von Entwicklung. Denn: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wir können in diesem Moment von Leben sprechen. Es ereignet sich Leben. Den Heiligen Geist können wir in diesem Zusammenhang als wirkende Beziehung sehen. So können Gottvater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger-Geist eigenständig sein, in ihrer Ganzheit aber eine dynamische Einheit bilden. Das Wesen Gottes, das Wesen der Dreifaltigkeit ist  – in diesem Sinn –  liebende Beziehung.

Rolf-Michael Hilkenbach

 

Kulturgeschichte Fernsehen – Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent BERENGAR PFAHL

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Berengar Pfahl wurde am 1. Mai 1946 in Mülheim geboren.  Ein „Kind des Ruhrgebiets“ wie die FAZ in einem Nachruf betonte. In Düsseldorf studierte er Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Statt  Lehrer zu werden, entschied er sich nach einem kurzen Volontariat bei den Städtischen Bühnen Wuppertal und beim WDR in Köln, für den Beruf des Regisseurs und Filmproduzenten.   Seine Film- und Fernsehkarriere begann 1973 mit sechs Kurzfilmen für die „Sendung mit der Maus“.  In vierzig Jahren war er an über 200 Filmproduktionen beteiligt.

 Sein Interesse als Drehbuchautor und Produzent galt vor allem den gesellschaftlichen Entwicklungen.  Hier war Berengar Pfahl ganz geprägt durch die 68er Bewegung und die darauf folgenden gesellschaftlichen Reformbewegungen der 70er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts.  Berengar Pfahl  war in seiner Arbeit stets politisch engagiert. Immer wieder widmete er sich in seinen Filmprojekten dem Thema Jugend und junge Erwachsene.  Gerade in den 70er Jahren vollzogen sich im Lebenszuschnitt der jungen Generation gravierende Veränderungen.  Berengar Pfahl hat diese Entwicklungen erzählerisch dokumentieren. Sein Fokus lag dabei auf dem  Alltagsleben. Seine Geschichten über das Erwachsen-Werden sind Allerweltsgeschichten. Er schilderte eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er schaute nur genauer hin und das machte sie spannend. In seinen Filmen zeichnete er eine „Generation unterwegs“, die sich bewusst auf die Suche nach neuen  Lebenszuschnitten machte, aber auch durch die Wechselfälle des Lebens und dem Verlust von sicheren Orientierungen auf neue Wege gedrängt wurde.  Gerade der Realismus dieser Filme macht sie heute noch interessant.  Nach einigen Kurzfilmen für das Kinder- und Jugendfernsehen kam für ihn der große berufliche Durchbruch im Jahr 1977 mit dem Fernsehmehrteiler „Britta“.

Der Film „Britta“ erzählt aus  dem  Leben einer 18jährigen, die ungewollt schwanger wird.  „Britta“ war ein sehr großer Erfolg und der erste Film aus dem Jugendprogramm der ARD,  der wegen dieser  großen öffentlichen Resonanz auch im Abendprogramm des Fernsehens  wiederholt gesendet wurde. Bis heute genießt „Britta“ geradezu einen Kultstatus. In seiner speziellen Machart hatte Berengar Pfahl mit diesem Film das Lebensgefühl der 70er Jahre eingefangen und damit Fernsehgeschichte geschrieben.  Für den Film hatte er nur einen sehr geringen Etat zur Verfügung und das Projekt musste in acht Wochen abgeschlossen sein.  Trotz alledem gelang es ihm, mit diesen beschränkten Mitteln,  einen innovativen und sehr unterhaltsamen Film  über junge Menschen zu drehen.  Bevor er anfing das Drehbuch zu schreiben, führte er mehrere Interviews mit 17-19jährigen. Die Erfahrungen aus diesen Interviews gingen in die Gestaltung des filmischen Szenarios ein. So gelang es ihm, zwei Fernseh-Formate kreativ miteinander in Beziehung zu setzen: Die „fiktive Filmerzählung“ und „die Dokumentation“. Um so authentisch wie möglich zu sein, besetzte er die Rollen mit vielen Laiendarstellern und jungen Schauspielern, die entweder noch in der Ausbildung waren oder gerade erst ihre Schauspielausbildung abgeschlossen hatten und noch auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg waren.  Die Hauptrolle spielte Verena Plangger, die später auch  in anderen Projekten von Berengar Pfahl mit wirkte.

Nach der Erstsendung von „Britta“ geschah etwas sehr erstaunliches. Die Zuschauer verlangten immer wieder nach Wiederholungen. In unzähligen Briefen an den NDR  stellten die Zuschauer Fragen nach dem Verbleib von Britta und ihrem weiteren Leben als junge Mutter.  Noch acht Jahre später wurden die Fragen nicht weniger. So entschied sich Berengar Pfahl, eine Fortsetzung zu schreiben, „Neues von Britta“ 1985.  Auch hier betrat er mediales Neuland. Britta konnte nach acht Jahren nicht mehr dieselbe sein und so schrieb er die Fortsetzung als Entwicklungsgeschichte. Das hatte es zuvor im Fernsehen nicht gegeben. „Neues von Britta“ wurde ebenfalls zu einem großen Erfolg. Verena Plangger, die Hauptdarstellerin, wird bis heute mit dieser Rolle identifiziert.

 

Nach dem Erfolg mit „Britta“ beschäftigte sich Berengar Pfahl unter anderem  mit dem Verhältnis der jungen Generation zur deutschen Geschichte. In „Jerusalem, Jerusalem“ (1978) wird die Beziehung zu Israel und zum Judentum zum Thema.

In „Zwei oder was sind das für Träume“  (1980) geht es um die Beziehung von junger und älterer Generation, trotz vieler Gegensätze, verbindet beide etwas: Zum Beispiel Arbeitslosigkeit, ein Problem, das in den ausgehenden 70er Jahren immer mehr zu einem zentralen gesellschaftspolitischen Thema wurde.

In „Sterne des Südens“ (1990) geht es um eine Gruppe von jungen Animateuren, die für eine Reisegesellschaft an unterschiedlichen Urlaubsorten tätig sind. Das Ideal, Arbeit mit Urlaub an exotischen Orten zu verbindet, wird hier mit den Problemen der Tourismuswirtschaft und dem Geschäftsgebaren der Reiseunternehmen konfrontiert.

In der – mit vielen Preisen ausgezeichneten – Fernsehserie „Tanja“ (1997-2000) erzählt Berengar Pfahl die Geschichte einer 17jährigen, die alles hat, was sich ein junges Mädchen nur wünschen kann. Tanja hat aber ihren eigenen Kopf und will sich nicht nach anderen richten, sie möchte ihren ganz eigenen Weg gehen. Am Beispiel von „Tanja“ zeigt er das Heranwachsen der ersten Post-Ost-Generation nach dem Mauerfall. Ebenso wie „Britta“ hat die Serie „Tanja“ nach fast zwanzig Jahren immer noch eine große Fangemeinde.  In einem Interview mit der taz formulierte er einmal das Konzept dieser Serie: „Der Actionfilm stellt ständig Fragen wie ‚Springe ich jetzt in diesen Abgrund oder nicht?‘ Ich hingegen möchte Tanja an Situationen heranführen, in denen dann eine Haltung, die Haltung des Teams, sichtbar wird. Ich will an etwas erinnern, etwas anrühren, das in uns schlummert. Da entsteht dann wohl so etwas wie eine Message – oder nennen wir’s doch einfach mal Inhalt“.

Für die Action-Serie „Offroad tv“ (2001) entwickelte er ein ganz neues und ungewöhnliches Konzept. In der Serie geht es um ein Reporterteam des Senders „Offroad tv“. Die Reportagen der Reporterteams wurden nicht nur im Fernsehen gezeigt, sondern auch auf einer eigenen Website im Internet. Fernseherzählung und Internet wurden zu einer eigenen Form von fiktiver und virtueller Realität verknüpft. Drei Millionen Zuschauer sahen diese Serie im Vorabendprogramm.

In späteren Jahren interessierte sich Berengar Pfahl für die Entwicklungen in der Volksrepublik China (VR). Er verfilmte einen sehr erfolgreichen Roman der chinesischen Autorin Zhou Wie Hu, der in China verboten wurde: „Shanghai Baby“.

Mit seiner Produktionsfirma Berengar-Pfahl-Film GmbH unterstützte er Filmprojekte in Sri Lanka und im Senegal.

Sein letztes Projekt war der Fernsehmehrteiler und Kinofilm „Die Männer der Emden“ (2013). Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Berengar Pfahl entdeckte die Geschichte des deutschen Kreuzers „SMS Emden“ bei Arbeiten in Indonesien. In schönen Bildern (für die Kritik zu schön, zu sauber), mit opulenter Ausstattung, perfekten Kostümen zeigt er eine exotische Welt, die mit dem Ersten Weltkrieg buchstäblich auseinanderfliegt. „Die Männer der Emden“ war nicht als Antikriegsdrama gedacht. Berengar Pfahl sah diese Geschichte als eine Möglichkeit deutsche Mentalität zur Zeit des ersten Weltkrieges im Ausland zu spiegeln.

Am 14. März 2015 verstarb Berengar Pfahl im Alter von 68 Jahren unerwartet, plötzlich in seinem Haus in Haan bei Düsseldorf, noch zahlreiche unerledigte Projektideen auf dem Schreibtisch. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich das Deutsche Fernsehen zu einer Retrospektive der Arbeit von Berengar Pfahl entschließen könnte. Eine Edition seiner Arbeiten auf DVD/Blueray wäre denkbar. Zurzeit,  sind nur die Filme „Britta“ und „Jerusalem, Jerusalem“ auf DVD erhältlich.

Berengar Pfahl bei der Arbeit

 

Trailer zum Fim „Die Männer der Emden“

 Rolf-Michael Hilkenbach

 

Fotoquelle

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/berengar-pfahl-produzent-von-sterne-des-suedens-gestorben-13508262.html

Heritage Interpretation – Beziehungsorientierte Kultur- und Geschichtsvermittlung

Führung mit Gruppe aus Dormagen

Für alle die im Bereich der Kultur- und Geschichtsvermittlung, Touristik, Gästeführungen, Museumspädagogik tätig sind (oder sich dafür interessieren) möchte ich hier auf das pädagogische Konzept „Heritage Interpretation“ hinweisen.

In den USA und Kanada ist Heritage Interpretation das einflussreichste Konzept der außerschulischen Information- und Bildungsarbeit, fest institutionalisiert in nationalen Verbänden und auch berufsständisch organisiert. Es wird angewendet u.a. in Museen, historischen Gebäuden, Ausstellungshäusern, Naturparks, ausgewählten Landschaften, speziellen historischen Erinnerungsorten, als Grundlage von historischen Erlebnisprogrammen. In Deutschland ist die „Heritage Interpretation“ und die damit verbundene Idee immer noch relativ unbekannt. Mein Text dazu, ist als PDF Datei angefügt. Der Link steht unter diesem Absatz.

  1. Hilkenbach Heritage Interpretation

Skandalös !!! ??? Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen

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Für den Online-Lotterieanbieter „Lottohelden.de“ ließ sich Sophia Thomalla als Jesus am Kreuz abbilden und der Skandal war perfekt. Der Slogan dazu: „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“. Tageszeitungen und Online-Dienste berichteten im ganzen Land aufgeregt über diese Werbe-Performance. Einschlägige christliche Gruppen auf Facebook empörten sich in heftigen Diskussionen. Entsetzte Kommentare der Kirchen blieben nicht aus.

Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen! Was ist daran wirklich skandalös? Jesus am Kreuz ist DAS zentrale Symbol des Christentums, nicht nur zu Karfreitag. Und es hat was mit der Realität des Lebens von Jesus zu tun. Sein Leben endete nachweislich am Kreuz. Das die Ikonographie des Weihnachtsfestes mit einem Säugling in einer Futterkrippe verbunden wird, hat mit aller historischen Wahrscheinlichkeit, nichts mit der Realität zu tun. Da ist das Kreuz absolut realer.

Dass in der Werbefotografie eine Frau die Position von Jesus einnimmt ist nicht skandalös und keine Blasphemie, erinnert jedoch an einige Absurditäten des christlichen Weihnachtsfestes, die es schon seit Jahrhunderten gibt und die als hingenommene Selbstverständlichkeiten kaum zum Thema werden. Der „Nürnberger Christkindl Markt“ wird von Beginn an von einem „Christkind“ eröffnet. Eine merkwürdige Mischung zwischen Kind und junger Frau. Es muss immer ein Mädchen sein, das diese engelsgleiche Figur darstellt. Jesus als Engel??? Was hat diese Figur mit Rauschgoldflügel und Blondlocken mit Weihnachten zu tun? Angeblich soll dieses „Christkind“ die Geschenke bringen und Wünsche erfüllen. Warum und wie soll das geschehen? Ist das Christkind nun ein Junge oder ein Mädchen? Und wenn wir davon ausgehen, dass es ein Junge ist, der noch als Säugling in einer Krippe liegt: Wie soll der Geschenke verteilen?

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert muss Weihnachten immer ganz besonders „SCHÖN“ sein. Angestrengt schön! So angestrengt schön und harmonisch, dass sich in vielen Familien die Menschen gegenseitig die Köppe eingeschlagen (sinnbildlich und wirklich). Skandalös! Wo das Ganze doch ein Fest des Friedens sein soll. Zu keinem Fest im Jahreslauf werden so viele zwischenmenschliche Konflikte ausgetragen. Die Polizei hat an den Weihnachtsfeiertagen viel zu tun.

Glitzer und Glamour, romantischer Kerzenschein: Da ist der Werbeslogan zu dem Bild mit Sophia Thomalla – „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“ – nicht falsch. Sie ist eine schöne Frau und wirkt in der Pose am Kreuz tatsächlich nicht gerade unattraktiv. Einige Kritiker betonten die Nacktheit von Sophia Thomalla. War Jesus am Kreuz vollständig bekleidet? Muss eine Frau in dieser Jesusposition angezogener sein? Warum? In diesem Zusammenhang auf die – durchaus auch erotisch, masochistisch konnotierte – Leidensmystik der christlichen Kirche einzugehen, würde an dieser Stelle allerdings zu weit gehen. Doch so etwas gibt es in der christlichen Religionsgeschichte durchaus: Selbstkasteiungen und bedingungslose Akzeptanz des Leidens als Prüfung und Willen des allmächtigen Gottes. Mit Glücksgefühlen das Leiden Jesus Christie nachempfinden. Wir brauchen nur in einige Lebensbeschreibungen katholischer Heiliger zu schauen. Das Leid der Armut ertragen, weil Jesus ja auch angeblich so (gewollt) arm war. Das ist nun wirklich skandalös!

Wir alle wünschen uns ein glattgebügeltes, konfliktfreies, glitzerndes Weihnachtsfest. An die Wirklichkeit der Weihnacht möchte niemand erinnert werden. Das Bild mit Sophia Thomalla am Kreuz erinnert geradezu skandalös an den Skandal des sozio-kulturellen Umgangs mit dem Weihnachtsfest. Wer von den vielen Kritikern dieser Aktion kennt denn die Wirklichkeit der biblischen Weihnachtsgeschichte tatsächlich? Eine konfliktbeladene Beziehungsgeschichte, Verfolgung, Mord und Totschlag. Eine Geschichte jenseits aller idealisierter Familienidylle, Romantik und Sentimentalität. Die Werbeaktion eines Lotterieunternehmens mit Sophia Thomalla verweist hier auf die allzu oberflächlichen Pinselstriche mit denen, fast überall auf der Welt, die Weihnachtsgeschichte ohne jeden Tiefgang in Szene gesetzt wird.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg sprach mit Bezug auf diese Performance von „geschmacklos und dumm“. Für mich sind Menschen geschmacklos und dumm, die das ganze Jahr über mit Gott und Jesus Christus nichts am Hut haben und zu Weihnachten auf einmal sentimental religiös werden oder an Heiligabend zur katholischen Kirche laufen, um den Gottesdienst wie eine Weihnachtsshow zu genießen. Sie wissen absolut nicht, was sie da tun!

Ich hörte vor ein paar Tagen bei einem amerikanischen Radiosender eine vorweihnachtliche Musik-Sendung. Zum Schluss der Sendung wünschte die Moderatorin allen Hörerinnen und Hörern ein gesegnetes Weihnachtsfest…..glückliche Ostern, frohe Pfingsten…und ein gutes neues Jahr…. (sie hatte plötzlich gemerkt, was sie daher redete und schob lachend im Nachsatz hinterher) „und es ist ja eigentlich egal, Hauptsache es geht uns allen gut“…. Ich dachte: Was für eine dumme Person! … Skandalös!

Rolf-Michael Hilkenbach