Der „Bade-Prinz“ – Fünf Wochen Reichskanzler

Prinz Max von Baden 2
Prinz Max von Baden war der letzte Reichskanzler im Deutschen Kaiserreich am Ende des Ersten Weltkrieges. Er hatte dieses Amt ganze fünf Wochen inne und wurde dadurch zu einer bedeutenden historischen Persönlichkeit. Das ist umso interessanter, wenn man aus seiner Biografie erfährt, dass er sich selbst als einen vollkommen unpolitischen Menschen sah, der sich in seinem Leben eigentlich mehr „den schönen Künsten“ zuwenden wollte. Ein geborener „Schöngeist“. Er liebte das Lesen und die Literatur, ganz besonders die Musik und hier vor allem die Musik von Richard Wagner. Er war regelmäßig zu Gast bei den Bayreuther Festspielen. Seine beste Freundin war die dreißig Jahre ältere Cosima Wagner. Nach dem Abschluss eines Juraexamens und der anschließenden Ausbildung bei Militär zum Offizier im Heer, studierte er noch Musik und machte eine Gesangsausbildung.

Mit seiner Position als Thronfolger im Großherzogtum Baden kam er nur sehr schwer zurecht. Das entsprach nicht seiner Lebensplanung. Nachdem jedoch der eigentliche Thronfolger, sein Cousin und bester Freund, in sehr jungen Jahren verstarb und der nächste, wesentlich ältere Thronfolger, in seiner Ehe kinderlos blieb, kam diese Verantwortung auf Prinz Max zu. Er hatte damit nicht wirklich gerechnet.

Erst durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges wurde Prinz Max zum politischen Menschen. Wiederstrebend, aber pflichtbewusst, wie es von einem Angehörigen der regierenden Aristokratie erwartet wurde, meldete er sich für den Dienst an der Front. Schon nach den ersten Kampfeinsätzen brach er seelisch und körperlich zusammen. Für den aktiven Kriegsdienst im Kampfeinsatz war er nicht geeignet. Er suchte sich eine neue Aufgabe und fand sie in der Fürsorge für die Kriegsgefangenen. Das Schicksal der Soldaten war sein besonderes Anliegen. Als Ehrenpräsident des „Badischen Roten Kreuzes“ fühlte er sich verantwortlich für alle Kriegsgefangenen, egal welcher Nation sie angehörten. Besonders beliebt wurde er durch dieses Engagement nicht. In der Öffentlichkeit wurde er deswegen herabsetzend als „Sanitäts-General“ oder „Bade-Prinz“ tituliert. Um seiner Aufgabe, in der Kriegsgefangenenfürsorge gerecht zu werden, musste Prinz Max von Baden ein gutes diplomatisches Geschick entwickelt. Er verhandelte hier nicht nur mit der deutschen Heeresleitung, sondern auch mit französischen, englischen und russischen Militärverantwortlichen und hohen politischen Beamten unterschiedlicher Nationalität. Das brachte ihm als Verhandlungspartner einen guten Ruf ein, so dass man ihn wahrscheinlich deshalb als geeignet ansah, die Friedensverhandlungen zum Ende des Krieges politisch zu managen.

Er war der erste Reichskanzler, der die Sozialdemokratie (SPD) in sein Kabinett mit einbezog. Bereits vor seinem Amtsantritt, pflegte er einen intensiven Kontakte zu Friedrich Ebert, den späteren Reichskanzler und ersten Reichspräsidenten. Obwohl Prinz Max sich immer für den Erhalt der Monarchie eingesetzt hatte, musste er die Abdankung des Kaisers verkünden. Dafür wurde er später von konservativen Kreisen als Verräter geächtet….und von der Kaiserin erpresst. Die Kaiserin Augusta drohte ihm, seine sexuellen Vorlieben an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn er sich nicht bedingungslos loyal zum Kaiser zeigen würde. Aber auch bei der politisch Linken und den demokratischen Liberalen konnte er – als Vertreter des feudalen aristokratischen Systems – keine Anerkennung finden.

Nach seinem Rücktritt als Reichskanzler wollte er sich nie wieder politisch betätigen. Stattdessen sah er die Zukunft gesellschaftlicher Reformen mehr in der Bildung und Erziehung junger Menschen. Er gründete, zusammen mit dem Reformpädagogen Kurt Hahn, das Landerziehungsheim Schloss Salem.

Warum ist es außerdem lohnenswert, sich mit der Biografie des Prinzen Max von Baden zu beschäftigen? Man erfährt einiges zur Sozial- und Kulturgeschichte der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich. Zum Beispiel: Wie ist es um einen schwulen Mann bestellt, der diese Seite seiner Persönlichkeit mit der öffentlich herrschenden Mentalität überhaupt nicht vereinbaren kann? Man lernt auch noch andere Personen kennen, wie den bedeutenden schwedischen Psychiater Axel Munte, der auf der Insel Capri im luxuriösem antikisierendem Ambiente die psychischen Probleme der europäischen Upper-Class therapierte, oder den evangelischen Pastor Johannes Müller, der eine religiöse Lebensreformbewegung ins Leben rief, die im Deutschen Kaiserreich tausende von Anhängern hatte, und natürlich den jüdischen Intellektuellen und Pädagogen Kurt Hahn, der zum wichtigsten Politikberater von Prinz Max wurde und der auch seine Reden schrieb.

Rolf-Michael Hilkenbach

Sehenswert! Die Filmdokumentation des SWR „Prinz Max von Baden – Kanzler zwischen Kaiserreich und Republik“

 

Eine sehr lesenswerte Biografie über Prinz Max von Baden

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Happy Birthday, Madonna! 60 Jahre

 

 

HÖRENSWERT UND SEHENSWERT! Ein Kunstwerk der Popkultur: „Frozen“ der wohl erfolgreichste Song von Madonna, thematisiert das Wesen eines emotional eingefrorenen Menschen.

Das Lied wurde von Craig Armstrong fast ausschließlich in f-Moll arrangiert, um die seelische Dunkelheit und Kälte melodisch zu transformieren. Die Weltferne und Distanz wird musikalisch kunstvoll durch eine Kombination von orientalisch-arabischen Percussion-Elementen mit dunklen elektronischen Tönen ausgedrückt.

Gestaltet wurde das Video von dem Videokünstler Chris Cunningham. Bei der Motivwahl und Ästhetik seiner Inszenierungen, greift Cunningham häufig auf den Surrealismus zurück. Für das Video zu diesem Film lies er sich von Bildern des Malers John William Waterhouse inspirieren, ganz speziell von dem Gemälde „Miranda -The Tempest“ aus dem Jahr 1916, das eine Szene aus dem Shakespeare-Drama „Der Sturm“ aufgreift. Zu sehen ist eine Frau, die mit windzerzaustem Haar einem untergehendem Schiff nachschaut.

Das Kleid, dass Madonna in diesem Video trägt, ist dem Kleid der Frau auf dem Bild nachempfunden und wurde von dem französischen Modedesigner Jean-Paul Gaultier in schwerer schwarzer Seide entworfen. Die ganze Atmosphäre des Videos orientiert sich an der Gothic-Subkultur: Depressives Lebensgefühl, Melancholie, Mystik, Beschäftigung mit dem Tod, Endzeitromantik als Ausdruck von Skepsis und Verweigerung gegenüber jeder Form von Konventionalität.

Rolf-Michael Hilkenbach

Mord in Sarajevo

Östereich Erzherzog

28. Juni 1914, FRANZ FERDINAND VON ÖSTERREICH-ESTE, ERZHERZOG UND SOPHIE MARIE GRÄFIN CHOTEK, HERZOGIN VON HOHENBERG werden bei einem Staatsbesuch in Serbien während einer Fahrt durch die Stadt Sarajevo ermordet. Dieses Attentat wurde zum Auslöser für den Ersten Weltkrieg.

Franz Ferdinand von Österreich-Este konnte erst zum österreichischen Thronfolger werden, nachdem sein Cousin Kronprinz Rudolf (Mayerling-Affäre) sich das Leben genommen hatte und sein Vater, der Erzherzog Karl Ludwig, unerwartet verstorben war. So wurde er relativ schnell in eine Position gebracht, auf die er nicht unbedingt vorbereitet war.

Seine Ehe mit Sophie Marie galt als nicht standesgemäß. Seine Frau stammte aus einem den Habsburgern „nicht ebenbürtigem“ böhmischen Adelsgeschlecht. Kaiser Franz Joseph weigerte sich bis zuletzt ihre Herkunftsfamilie als ebenbürtig anzuerkennen. Deshalb kam nur eine morganatische Eheschließung in Frage. Sophie Marie durfte nicht den Namen Habsburg tragen. Die Nachkommen aus dieser Ehe hatten keinen Anspruch auf die österreichische Thronfolge und durften „nur“ den Namen der Mutter führen. Die Hochzeit fand in kleinem Rahmen statt, an der niemand von der Familie Habsburg teilnahm. Erst im Jahr 1909 war Kaiser Franz Joseph bereit, Sophie Marie in den Stand einer Herzogin zu erheben. Damit galt sie jetzt als gesellschaftlich angemessen positioniert und konnte auch jetzt erst an öffentlichen Auftritten zusammen mit ihrem Mann teilnehmen. Sie bekam den Titel einer Herzogin von Hohenberg. Franz Ferdinand und Sophie Marie wurden so auch zu Begründern des Adelsgeschlechts Hohenberg, das bis heute existiert. Wegen der nicht standesgemäßen Ehe konnten die beiden nach ihrem Tod nicht in der Kapuzinergruft der Habsburger beigesetzt werden. Die Kinder aus dieser Ehe wurden erbrechtlich von der Thronfolge im Haus Habsburg ausgeschlossen. Das Grab von Franz Ferdinand und Sophie Marie befindet sich auf ihrem Wohnsitz Schloss Arstetten.

Franz Ferdinand war nie unmittelbar an der politischen Führung der KuK Monarchie Österreich-Ungarn beteiligt, aber als Mitglied des Beraterstabes um den greisen Kaiser Franz Joseph konnte er aktiv an der kaiserlichen Politik mitwirken. Franz Ferdinand war kein Sympathieträger, kein Kommunikator und wenig diplomatisch in seinen öffentlichen Äußerungen. Er machte sich mit seinen unüberlegten Auftritten und politischen Bemerkungen viele Feinde, war dadurch in dem spannungsreichen Beziehungsgefüge des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn nicht unbedingt ein integrierender und ausgleichender Faktor.

Franz Ferdinand wurde wahrscheinlich ermordet, weil er ein Förderer und Mit-Entwickler einer durchaus fortschrittlichen politischen Idee für eine zukünftige Neuordnung des Vielvölkerstaates war. Österreich-Ungarn sollte nach dieser Idee ein Bund teilautonomer Staaten werden. Die einzelnen Bundesstaaten sollten auf einer ethnisch-sprachlichen Grundlage neu gebildet werden. Dieser Staatenbund sollte heißen „Vereinigte Staaten von Groß-Österreich“. Hätte sich dieses Modell durchgesetzt, würde es vielleicht den Vielvölkerbund Österreich-Ungarn heute noch geben. Dieses politische Modell, stand aber in Konkurrenz zu den Bestrebungen Serbiens, als Groß-Serbien, auf dem Balkan als gleichberechtigt neben Österreich-Ungarn anerkannt zu werden. Es hätte auch eine Teilautonomie von Herzegowina und Bosnien bedeutet, die von Österreich annektiert worden waren. Die Teilautonomie hätte Serbiens Position auf dem Balkan relativiert und den politischen Anspruch auf die Gebiete Herzegowina und Bosnien in Frage gestellt. Von serbischen Separatisten wurde deshalb der Besuch des österreichischen Thronfolgers als Provokation empfunden.

Österreich-Ungarn wollte mit diesem Staatsbesuch noch einmal deutlich machen, dass über eine politische Neuordnung auf dem Balkan Gespräche geführt werden können (die serbische Regierung war verhandlungsbereit). Österreich-Ungarn wollte eine ausgleichende politische Beziehung zu Serbien, aber zu Bedingungen einer politischen Neuordnung die von Österreich-Ungarn wesentlich festgelegt werden sollte. Die Ermordung des Thronfolgers und seiner Frau war für Österreich-Ungarn der Anlass endlich diese konfliktbehaftete Situation ein für allemal zu klären. Das Ultimatum das Österreich-Ungarn an Serbien richtete, macht dies besonders deutlich. Um das auslösende Ereignis des Ersten Weltkrieges zu verstehen, lohnt es sich, dieses Schriftstück zu lesen.

Der folgende Link führt zu dem Dokument.
http://www.forost.ungarisches-institut.de/pdf/19140722-1.pdf

 

Rolf-Michael Hilkenbach

Überlegungen zur Dreifaltigkeit

 

Dreifaltigkeit

Anlass zu diesen Überlegungen bot eine Frage, wie die Dreifaltigkeit Gottes (drei Personen in einer Wesenseinheit) einem Nicht-Christen erklärt werden könnte. Das sehr bekannte Bild dazu stammt aus dem 14. Jahrh. und wurde von Andrej Rublev gemalt. Eine Kopie von diesem Bild auf einer Holzplatte bekam ich zur Erinnerung an meine Erstkommunion geschenkt. Insofern ist es auch ein Thema, das mich seit meiner Jugend auf die ein oder andere Weise immer wieder beschäftig hat und sei es auch nur, wenn ich auf dieses Bild schaute, das neben meinem Bett an der Wand hing.

Augustinus von Hippo (Bischof und Kirchenlehrer) erklärt die Dreifaltigkeit Gottes so: Überall da wo die Liebe ist, gibt es einen Liebenden, einen Geliebten und eine Quelle der Liebe, also eine Quelle der personalen Anerkennung, Zuneigung und der Wunsch nach Bindung.

Tatsächlich wäre hier die Quelle der Liebe, die Beziehung. Beziehung ist nicht unabhängig von den Subjekten, aber ihrem Wesen nach eigenständig. Ein Phänomen, das sich ereignet. Im allgemeinen sprechen wir davon, dass Beziehung hergestellt wird oder hergestellt werden muss. In Wirklichkeit öffnen wir uns einem Geschehen, entwickeln die Bereitschaft für ein Ereignis. Die gelingende Beziehung verbindet isolierte Individualitäten zu einer Ganzheit, ohne die Individualitäten in ihrem Sein zu negieren oder gravierend zu beeinträchtigen. In diesem Beziehungsgeschehen ereignet sich Veränderung in Form von Entwicklung. Denn: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wir können in diesem Moment von Leben sprechen. Es ereignet sich Leben. Den Heiligen Geist können wir in diesem Zusammenhang als wirkende Beziehung sehen. So können Gottvater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger-Geist eigenständig sein, in ihrer Ganzheit aber eine dynamische Einheit bilden. Das Wesen Gottes, das Wesen der Dreifaltigkeit ist  – in diesem Sinn –  liebende Beziehung.

Rolf-Michael Hilkenbach

 

Kulturgeschichte Fernsehen – Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent BERENGAR PFAHL

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Berengar Pfahl wurde am 1. Mai 1946 in Mülheim geboren.  Ein „Kind des Ruhrgebiets“ wie die FAZ in einem Nachruf betonte. In Düsseldorf studierte er Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Statt  Lehrer zu werden, entschied er sich nach einem kurzen Volontariat bei den Städtischen Bühnen Wuppertal und beim WDR in Köln, für den Beruf des Regisseurs und Filmproduzenten.   Seine Film- und Fernsehkarriere begann 1973 mit sechs Kurzfilmen für die „Sendung mit der Maus“.  In vierzig Jahren war er an über 200 Filmproduktionen beteiligt.

 Sein Interesse als Drehbuchautor und Produzent galt vor allem den gesellschaftlichen Entwicklungen.  Hier war Berengar Pfahl ganz geprägt durch die 68er Bewegung und die darauf folgenden gesellschaftlichen Reformbewegungen der 70er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts.  Berengar Pfahl  war in seiner Arbeit stets politisch engagiert. Immer wieder widmete er sich in seinen Filmprojekten dem Thema Jugend und junge Erwachsene.  Gerade in den 70er Jahren vollzogen sich im Lebenszuschnitt der jungen Generation gravierende Veränderungen.  Berengar Pfahl hat diese Entwicklungen erzählerisch dokumentieren. Sein Fokus lag dabei auf dem  Alltagsleben. Seine Geschichten über das Erwachsen-Werden sind Allerweltsgeschichten. Er schilderte eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er schaute nur genauer hin und das machte sie spannend. In seinen Filmen zeichnete er eine „Generation unterwegs“, die sich bewusst auf die Suche nach neuen  Lebenszuschnitten machte, aber auch durch die Wechselfälle des Lebens und dem Verlust von sicheren Orientierungen auf neue Wege gedrängt wurde.  Gerade der Realismus dieser Filme macht sie heute noch interessant.  Nach einigen Kurzfilmen für das Kinder- und Jugendfernsehen kam für ihn der große berufliche Durchbruch im Jahr 1977 mit dem Fernsehmehrteiler „Britta“.

Der Film „Britta“ erzählt aus  dem  Leben einer 18jährigen, die ungewollt schwanger wird.  „Britta“ war ein sehr großer Erfolg und der erste Film aus dem Jugendprogramm der ARD,  der wegen dieser  großen öffentlichen Resonanz auch im Abendprogramm des Fernsehens  wiederholt gesendet wurde. Bis heute genießt „Britta“ geradezu einen Kultstatus. In seiner speziellen Machart hatte Berengar Pfahl mit diesem Film das Lebensgefühl der 70er Jahre eingefangen und damit Fernsehgeschichte geschrieben.  Für den Film hatte er nur einen sehr geringen Etat zur Verfügung und das Projekt musste in acht Wochen abgeschlossen sein.  Trotz alledem gelang es ihm, mit diesen beschränkten Mitteln,  einen innovativen und sehr unterhaltsamen Film  über junge Menschen zu drehen.  Bevor er anfing das Drehbuch zu schreiben, führte er mehrere Interviews mit 17-19jährigen. Die Erfahrungen aus diesen Interviews gingen in die Gestaltung des filmischen Szenarios ein. So gelang es ihm, zwei Fernseh-Formate kreativ miteinander in Beziehung zu setzen: Die „fiktive Filmerzählung“ und „die Dokumentation“. Um so authentisch wie möglich zu sein, besetzte er die Rollen mit vielen Laiendarstellern und jungen Schauspielern, die entweder noch in der Ausbildung waren oder gerade erst ihre Schauspielausbildung abgeschlossen hatten und noch auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg waren.  Die Hauptrolle spielte Verena Plangger, die später auch  in anderen Projekten von Berengar Pfahl mit wirkte.

Nach der Erstsendung von „Britta“ geschah etwas sehr erstaunliches. Die Zuschauer verlangten immer wieder nach Wiederholungen. In unzähligen Briefen an den NDR  stellten die Zuschauer Fragen nach dem Verbleib von Britta und ihrem weiteren Leben als junge Mutter.  Noch acht Jahre später wurden die Fragen nicht weniger. So entschied sich Berengar Pfahl, eine Fortsetzung zu schreiben, „Neues von Britta“ 1985.  Auch hier betrat er mediales Neuland. Britta konnte nach acht Jahren nicht mehr dieselbe sein und so schrieb er die Fortsetzung als Entwicklungsgeschichte. Das hatte es zuvor im Fernsehen nicht gegeben. „Neues von Britta“ wurde ebenfalls zu einem großen Erfolg. Verena Plangger, die Hauptdarstellerin, wird bis heute mit dieser Rolle identifiziert.

 

Nach dem Erfolg mit „Britta“ beschäftigte sich Berengar Pfahl unter anderem  mit dem Verhältnis der jungen Generation zur deutschen Geschichte. In „Jerusalem, Jerusalem“ (1978) wird die Beziehung zu Israel und zum Judentum zum Thema.

In „Zwei oder was sind das für Träume“  (1980) geht es um die Beziehung von junger und älterer Generation, trotz vieler Gegensätze, verbindet beide etwas: Zum Beispiel Arbeitslosigkeit, ein Problem, das in den ausgehenden 70er Jahren immer mehr zu einem zentralen gesellschaftspolitischen Thema wurde.

In „Sterne des Südens“ (1990) geht es um eine Gruppe von jungen Animateuren, die für eine Reisegesellschaft an unterschiedlichen Urlaubsorten tätig sind. Das Ideal, Arbeit mit Urlaub an exotischen Orten zu verbindet, wird hier mit den Problemen der Tourismuswirtschaft und dem Geschäftsgebaren der Reiseunternehmen konfrontiert.

In der – mit vielen Preisen ausgezeichneten – Fernsehserie „Tanja“ (1997-2000) erzählt Berengar Pfahl die Geschichte einer 17jährigen, die alles hat, was sich ein junges Mädchen nur wünschen kann. Tanja hat aber ihren eigenen Kopf und will sich nicht nach anderen richten, sie möchte ihren ganz eigenen Weg gehen. Am Beispiel von „Tanja“ zeigt er das Heranwachsen der ersten Post-Ost-Generation nach dem Mauerfall. Ebenso wie „Britta“ hat die Serie „Tanja“ nach fast zwanzig Jahren immer noch eine große Fangemeinde.  In einem Interview mit der taz formulierte er einmal das Konzept dieser Serie: „Der Actionfilm stellt ständig Fragen wie ‚Springe ich jetzt in diesen Abgrund oder nicht?‘ Ich hingegen möchte Tanja an Situationen heranführen, in denen dann eine Haltung, die Haltung des Teams, sichtbar wird. Ich will an etwas erinnern, etwas anrühren, das in uns schlummert. Da entsteht dann wohl so etwas wie eine Message – oder nennen wir’s doch einfach mal Inhalt“.

Für die Action-Serie „Offroad tv“ (2001) entwickelte er ein ganz neues und ungewöhnliches Konzept. In der Serie geht es um ein Reporterteam des Senders „Offroad tv“. Die Reportagen der Reporterteams wurden nicht nur im Fernsehen gezeigt, sondern auch auf einer eigenen Website im Internet. Fernseherzählung und Internet wurden zu einer eigenen Form von fiktiver und virtueller Realität verknüpft. Drei Millionen Zuschauer sahen diese Serie im Vorabendprogramm.

In späteren Jahren interessierte sich Berengar Pfahl für die Entwicklungen in der Volksrepublik China (VR). Er verfilmte einen sehr erfolgreichen Roman der chinesischen Autorin Zhou Wie Hu, der in China verboten wurde: „Shanghai Baby“.

Mit seiner Produktionsfirma Berengar-Pfahl-Film GmbH unterstützte er Filmprojekte in Sri Lanka und im Senegal.

Sein letztes Projekt war der Fernsehmehrteiler und Kinofilm „Die Männer der Emden“ (2013). Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Berengar Pfahl entdeckte die Geschichte des deutschen Kreuzers „SMS Emden“ bei Arbeiten in Indonesien. In schönen Bildern (für die Kritik zu schön, zu sauber), mit opulenter Ausstattung, perfekten Kostümen zeigt er eine exotische Welt, die mit dem Ersten Weltkrieg buchstäblich auseinanderfliegt. „Die Männer der Emden“ war nicht als Antikriegsdrama gedacht. Berengar Pfahl sah diese Geschichte als eine Möglichkeit deutsche Mentalität zur Zeit des ersten Weltkrieges im Ausland zu spiegeln.

Am 14. März 2015 verstarb Berengar Pfahl im Alter von 68 Jahren unerwartet, plötzlich in seinem Haus in Haan bei Düsseldorf, noch zahlreiche unerledigte Projektideen auf dem Schreibtisch. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich das Deutsche Fernsehen zu einer Retrospektive der Arbeit von Berengar Pfahl entschließen könnte. Eine Edition seiner Arbeiten auf DVD/Blueray wäre denkbar. Zurzeit,  sind nur die Filme „Britta“ und „Jerusalem, Jerusalem“ auf DVD erhältlich.

Berengar Pfahl bei der Arbeit

 

Trailer zum Fim „Die Männer der Emden“

 Rolf-Michael Hilkenbach

 

Fotoquelle

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/berengar-pfahl-produzent-von-sterne-des-suedens-gestorben-13508262.html

Heritage Interpretation – Beziehungsorientierte Kultur- und Geschichtsvermittlung

Führung mit Gruppe aus Dormagen

Für alle die im Bereich der Kultur- und Geschichtsvermittlung, Touristik, Gästeführungen, Museumspädagogik tätig sind (oder sich dafür interessieren) möchte ich hier auf das pädagogische Konzept „Heritage Interpretation“ hinweisen.

In den USA und Kanada ist Heritage Interpretation das einflussreichste Konzept der außerschulischen Information- und Bildungsarbeit, fest institutionalisiert in nationalen Verbänden und auch berufsständisch organisiert. Es wird angewendet u.a. in Museen, historischen Gebäuden, Ausstellungshäusern, Naturparks, ausgewählten Landschaften, speziellen historischen Erinnerungsorten, als Grundlage von historischen Erlebnisprogrammen. In Deutschland ist die „Heritage Interpretation“ und die damit verbundene Idee immer noch relativ unbekannt. Mein Text dazu, ist als PDF Datei angefügt. Der Link steht unter diesem Absatz.

  1. Hilkenbach Heritage Interpretation

Skandalös !!! ??? Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen

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Für den Online-Lotterieanbieter „Lottohelden.de“ ließ sich Sophia Thomalla als Jesus am Kreuz abbilden und der Skandal war perfekt. Der Slogan dazu: „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“. Tageszeitungen und Online-Dienste berichteten im ganzen Land aufgeregt über diese Werbe-Performance. Einschlägige christliche Gruppen auf Facebook empörten sich in heftigen Diskussionen. Entsetzte Kommentare der Kirchen blieben nicht aus.

Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen! Was ist daran wirklich skandalös? Jesus am Kreuz ist DAS zentrale Symbol des Christentums, nicht nur zu Karfreitag. Und es hat was mit der Realität des Lebens von Jesus zu tun. Sein Leben endete nachweislich am Kreuz. Das die Ikonographie des Weihnachtsfestes mit einem Säugling in einer Futterkrippe verbunden wird, hat mit aller historischen Wahrscheinlichkeit, nichts mit der Realität zu tun. Da ist das Kreuz absolut realer.

Dass in der Werbefotografie eine Frau die Position von Jesus einnimmt ist nicht skandalös und keine Blasphemie, erinnert jedoch an einige Absurditäten des christlichen Weihnachtsfestes, die es schon seit Jahrhunderten gibt und die als hingenommene Selbstverständlichkeiten kaum zum Thema werden. Der „Nürnberger Christkindl Markt“ wird von Beginn an von einem „Christkind“ eröffnet. Eine merkwürdige Mischung zwischen Kind und junger Frau. Es muss immer ein Mädchen sein, das diese engelsgleiche Figur darstellt. Jesus als Engel??? Was hat diese Figur mit Rauschgoldflügel und Blondlocken mit Weihnachten zu tun? Angeblich soll dieses „Christkind“ die Geschenke bringen und Wünsche erfüllen. Warum und wie soll das geschehen? Ist das Christkind nun ein Junge oder ein Mädchen? Und wenn wir davon ausgehen, dass es ein Junge ist, der noch als Säugling in einer Krippe liegt: Wie soll der Geschenke verteilen?

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert muss Weihnachten immer ganz besonders „SCHÖN“ sein. Angestrengt schön! So angestrengt schön und harmonisch, dass sich in vielen Familien die Menschen gegenseitig die Köppe eingeschlagen (sinnbildlich und wirklich). Skandalös! Wo das Ganze doch ein Fest des Friedens sein soll. Zu keinem Fest im Jahreslauf werden so viele zwischenmenschliche Konflikte ausgetragen. Die Polizei hat an den Weihnachtsfeiertagen viel zu tun.

Glitzer und Glamour, romantischer Kerzenschein: Da ist der Werbeslogan zu dem Bild mit Sophia Thomalla – „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“ – nicht falsch. Sie ist eine schöne Frau und wirkt in der Pose am Kreuz tatsächlich nicht gerade unattraktiv. Einige Kritiker betonten die Nacktheit von Sophia Thomalla. War Jesus am Kreuz vollständig bekleidet? Muss eine Frau in dieser Jesusposition angezogener sein? Warum? In diesem Zusammenhang auf die – durchaus auch erotisch, masochistisch konnotierte – Leidensmystik der christlichen Kirche einzugehen, würde an dieser Stelle allerdings zu weit gehen. Doch so etwas gibt es in der christlichen Religionsgeschichte durchaus: Selbstkasteiungen und bedingungslose Akzeptanz des Leidens als Prüfung und Willen des allmächtigen Gottes. Mit Glücksgefühlen das Leiden Jesus Christie nachempfinden. Wir brauchen nur in einige Lebensbeschreibungen katholischer Heiliger zu schauen. Das Leid der Armut ertragen, weil Jesus ja auch angeblich so (gewollt) arm war. Das ist nun wirklich skandalös!

Wir alle wünschen uns ein glattgebügeltes, konfliktfreies, glitzerndes Weihnachtsfest. An die Wirklichkeit der Weihnacht möchte niemand erinnert werden. Das Bild mit Sophia Thomalla am Kreuz erinnert geradezu skandalös an den Skandal des sozio-kulturellen Umgangs mit dem Weihnachtsfest. Wer von den vielen Kritikern dieser Aktion kennt denn die Wirklichkeit der biblischen Weihnachtsgeschichte tatsächlich? Eine konfliktbeladene Beziehungsgeschichte, Verfolgung, Mord und Totschlag. Eine Geschichte jenseits aller idealisierter Familienidylle, Romantik und Sentimentalität. Die Werbeaktion eines Lotterieunternehmens mit Sophia Thomalla verweist hier auf die allzu oberflächlichen Pinselstriche mit denen, fast überall auf der Welt, die Weihnachtsgeschichte ohne jeden Tiefgang in Szene gesetzt wird.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg sprach mit Bezug auf diese Performance von „geschmacklos und dumm“. Für mich sind Menschen geschmacklos und dumm, die das ganze Jahr über mit Gott und Jesus Christus nichts am Hut haben und zu Weihnachten auf einmal sentimental religiös werden oder an Heiligabend zur katholischen Kirche laufen, um den Gottesdienst wie eine Weihnachtsshow zu genießen. Sie wissen absolut nicht, was sie da tun!

Ich hörte vor ein paar Tagen bei einem amerikanischen Radiosender eine vorweihnachtliche Musik-Sendung. Zum Schluss der Sendung wünschte die Moderatorin allen Hörerinnen und Hörern ein gesegnetes Weihnachtsfest…..glückliche Ostern, frohe Pfingsten…und ein gutes neues Jahr…. (sie hatte plötzlich gemerkt, was sie daher redete und schob lachend im Nachsatz hinterher) „und es ist ja eigentlich egal, Hauptsache es geht uns allen gut“…. Ich dachte: Was für eine dumme Person! … Skandalös!

Rolf-Michael Hilkenbach

Gesehen: „Baywatch“

„Baywatch“ ist eine us-amerikanische Filmkomödie mit Actionelementen. Allein in Deutschland ca. 2 Millionen Besucher in den Kinos. Mit bisher 177.856.751 US-Dollar Umsatz, wohl einer der erfolgreichsten Kinofilme im Jahr 2017.

„Baywatch“ ist das Remake einer Fernsehserie, die mittlerweile zu den Klassikern der Fernsehgeschichte gehört. Die Serie wurde in 144 Ländern ausgestrahlt und erreichte in den 90er Jahren geradezu Kultstatus. Beach-Lifestyle, flotte Musik, sexy Bademoden, Beziehungsgeschichten gemixt mit etwas Abenteuer machten die Serie zum Publikumsrenner. Der Spielfilm „Baywatch“ greift diese Elemente auf. Er ist vom Regisseur Seth Gordon gut inszeniert und verfügt über die passenden Schauspieler.

Die Geschichte ist nicht besonders komplex, aber keineswegs einfach nur Unterhaltung. Gezeigt werden Ereignisse um ein Team von Rettungsschwimmern. Die „Lifeguards“ retten aber nicht nur Menschen aus dem Wasser, sondern kümmern sich um alle möglichen Gefährdungen der Strandwelt. Stachelrochen, Haie, Drogenschmuggler und Diamantenhändler bedrohen das Sommer-Sonne-Freizeit-Idyll der Strandbesucher. Die Strandwelt bleibt von Mord und Totschlag nicht verschont. Die Rettungsschwimmer retten die Welt und werden dabei nicht selten von den Strandbesuchern beobachtet. Der Strand, eine Bühne des Lebens, wo der nötige Applaus nicht fehlt. Mitglied bei den Lifeguards werden, kommt einer Auszeichnung gleich. Der Film konzentriert sich auf diese Kernthemen und macht sich gleichzeitig auch lustig über das Schema. Die Geschichte wird mit viel ironischer Distanz ins Auge gefasst. Zitat aus dem Film: „Warum tragen an diesem Strand eigentlich alle Frauen am Bein so hoch ausgeschnittene Badeanzüge?“ Antwort der Badenixe: „Damit wir besser schwimmen können.“

Der weibliche Drogendealer ist eine mexikanische Schönheit. Sie betont: „Ich habe Zuhause das Geschäft meiner Brüder übernommen und bin nach Amerika gekommen, weil es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist“. Eine allzu realistische Befürchtung vieler US-Amerikaner, die gerne eine Mauer Richtung Mexiko errichten wollen.

Trotz der (oft irrationalen) Phantasie des Drehbuchs, gab es ursprünglich eine reale Grundlage der Storyline: Der „Los Angeles County Lifeguard Service“ an der Küste von San Pedro. Er ist mit 132 Festangestellten, und in der Saison mit ca. 650 angestellten Rettungsschwimmern, der größte Rettungschwimmerdienst der Welt.

Der Strand ist im Film eine Art Sonderwelt, mit eigenen Werten, Regeln und Initiationsriten für die verantwortlichen Lebensretter. „Mitch“ ist der charismatische Anführer/Leiter des Rettungsschwimmerteams, der seine Prinzipien jedem Lifeguard-Bewerber sofort klarmacht. Menschen, die nur für sich selbst existieren wollen, sind für den Job ungeeignet. Teamgeist und das Wissen darum, das man Mitglied einer Familie ist, sei das Entscheidende. Was die Bewerber in einem Vorleben als Qualifikationen erworben haben ist dafür relativ unbedeutend, der Wille zur Aufgabe und die innere Einstellung sind wichtiger. Die Neuen beim Rettungs-Training machen das deutlich: eine Meeresbiologin, ein übergewichtiger Computer-Nerd und ein Goldmedaillengewinner im Schwimmen. Alle müssen sich zuerst in einem Trainee-Programm bewähren, bevor ihnen die nötige Reife von Mitch zuerkannt wird.

Speziell am „Schwimmmeister“ wird das besonders vorgeführt. Er ist eine Sportskanone, hat aber Charakterschwächen und einen ungeordneten Lebenswandelt. Die Schule von Baywatch, nicht zuletzt das Vorbild von Mitch, macht ihn zum gereiften Menschen. Der „Schwimmmeister“ wird in einem Interview gefragt ob er ein Egozentriker sei. Antwort: „Nein, ich bin nur Amerikaner“. Satire und Realität in der Ära Trump gleichzeitig?

So oberflächlich die Geschichte von „Baywatch“ erscheinen mag, so intensiv thematisiert sie doch auch Grundprinzipien der us-amerikanischen Gesellschaft. Es geht um die Verantwortung des Einzelnen für das Große und Ganze, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden soll (in der Fernsehserie kümmern sich die Rettungsschwimmer häufig um Kinder, alte und behinderte Menschen).

Wie in der Fernsehserie spielen im Kinofilm „Baywatch“ natürlich Sex und Erotik eine wichtige Rolle, aber auch hier mit Witz und Ironie in Szene gesetzt. Der ziemlich verklemmte Umgang mit Sex in der amerikanischen Öffentlichkeit wird pointiert auf die Spitze getrieben. Es wird ständig über Sex geredet, zu sehen ist aber nichts. Auch das, typisch amerikanisch. Erst im „Leichenkeller“ eines Krankenhauses wird der Körperkontakt (unangenehm) enger. Jetzt darf auch mal – ganz unerotisch – an einem Schwanz herumgefummelt werden.

Die zwei herausragenden Stars der vergangenen Fernsehserie müssen selbstverständlich ebenfalls ihre Kurzauftritte haben. David Hasselhoff erscheint als ehemaliger Mentor von „Mitch“ und es wird sofort deutlich, er kann Dwayne Johnson (dem neuen „Mitch“) nicht das Wasser reichen, seine Zeit ist vorbei. Zum Schluss des Films erscheint auch Pamela Anderson. In Slow Motion schreitet sie auf High Heels in einem hautengen weißen Hosenanzug, mit wehenden blonden Haaren auf einem Bootssteg entlang….und man versteht sofort welche Wirkung diese Frau auf Männer hatte und sicher immer noch hat.

Rolf-Michael Hilkenbach

Die verfolgte Unschuld

 

Sie war Winnetous große Liebe und galt als eine der schönsten Frauen des deutschen Films. KARIN DOR verstarb am Montag, den 6. November 2017 im Alter von 79 Jahren.

Fast alle großen Tageszeitungen titelten aus Anlass ihres Todes: „Das einzige und letzte deutsche Bond-Girl“. Ein Aspekt ihrer Karriere, der anscheinend ganz besonders in Erinnerung geblieben ist.

Karin Dor war der letzte wirkliche weibliche Filmstar, den der deutsche Kinofilm in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Sie war eine gute Schauspielerin mit ausdrucksstarker Stimme, die beim Publikum große Sympathien weckte. Das große Drama oder der schwieriger Charakter waren nicht ihre Sache. Ihr Rollenfach im deutschen Film war „das süße Mädel“ und die „verfolgte Unschuld“. In ihrer Außenwirkung war sie gleichzeitig zeitgemäß jugendlich, modern und elegant. Nicht schwierig, nicht kompliziert, ganz gegenwärtig und vor allem frisch, sauber. Auf alle Fälle nicht aufmüpfig, unangepasst wie Teile der immer rebellischer werdende Nachkriegsjugend. Das ließ die unangenehme Vergangenheit und den Schmutz der Nachkriegsära vergessen. Das mochten die Nachkriegsdeutschen. Als „verfolgte Unschuld“, die mit einer dämonisch, schrecklichen Vergangenheit nichts zu tun hat, fühlten sich auch viele Deutsche. So wurde Karin Dor zu einer der populärsten Darstellerinnen im deutschen Genre-Film der 60er Jahre: Karl-May-Filme, Edgar-Wallace-Filme, Schlager- und Heimatfilme.

Die ganz große Bühne bekam sie im Jahr 1967. Ihr gelang etwas, das bisher in der Nachkriegszeit keiner deutschen Schauspielerin gelungen war. Karin Dor bekam eine wichtige Rolle in einem international sehr erfolgreichen und sehr aufwendig inszenierten Filmformat: „James Bond 007 – Du lebst nur zweimal“. Bezeichnend ihr Bericht zu diesem Ereignis: Sie sollte im Film Englisch sprechen, mit einem deutschen Akzent. Den Akzent hatte ihr allerdings eine gute Englischlehrerin schon während der Schulzeit ausgetrieben. Karin Dor erfüllte nicht mehr ohne weiteres das Klischee einer Deutschen. Sie spielte in dem Film eine deutsche Agentin, aber mit mondäner Internationalität. Das typisch Deutsche war ausgemerzt. Und sie bekam die höchste Gage, die je eine Schauspielerin in einem Bond-Film bekommen hatte. Durchsetzungsvermögen, Wertschätzung, Gefragt-Sein zeigten sich in dieser Geschichte. Nicht umsonst musste Karin Dor diese „Besetzungsgeschichte“ immer wieder erzählen. Für die Rolle im Bond-Film mussten ihre Haare von Dunkel auf Rot-Blond gefärbt werden. Nach ihrer Erzählung, eine sehr aufwendige Angelegenheit, aber sie war flexibel und anpassungsfähig genug um diese Veränderung über sich ergehen zu lassen. Trotz durchaus vorhandener Widerstände und ungünstiger Umstände, setzte sie sich durch.

Zwei Jahre später wurde sie, unter vielen Mitbewerberinnen, von dem berühmten Regisseur Alfred Hitchcock für die weibliche Hauptrolle in den Film „Topas“ ausgewählt. Hier sollte sie eine Kubanerin spielen. Englisch mit kubanischem Akzent war für sie kein Problem. Darüber wunderte sie sich später selbst. Die Erfolgsgeschichte von Karin Dor ist auch ein Stück Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Deutschen.

Jedoch: Mit Hitchcocks Spionagethriller (1969) war ihre internationale Karriere schon beendet. Die Filmindustrie befand sich in einer Krise, es gab nicht mehr so viele passende Rollen und sie wollte, nach ihren eigenen Aussagen, nicht monatelang in den USA auf Arbeitsmöglichkeiten warten. Stattdessen konzentrierte Karin Dor sich auf das Theater. Bis zu ihrem Tod spielte sie in zahlreichen Boulevardkomödien, zuletzt an der Komödie am bayrischen Hof in München.

In dem Video erzählt sie die „aufregende“ Geschichte, wie sie zu der Rolle in dem James-Bond-Film gekommen war.

Rolf-Michael Hilkenbach

The „Sexiest Man Alive“ oder Das männliche PinUp

The „Sexiest Man Alive“ ist eine internationale bekannte Auszeichnung, die am Ende eines jeden Jahres, vom US-amerikanischen „People Magazin“, an den Mann mit dem größten Sexappeal verliehen wird. Diese Auszeichnung wird seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts vergeben und wird jedes Mal von einer weltweiten medialen Aufmerksamkeit begleitet. Im Jahr 2016 wurde Dwayne Johnson zum Sexiest Man Alive gewählt. Und am Ende dieses Jahres wird die Welt wieder gespannt darauf warten, wer es den nun diesmal sein wird. Heute mögen solche Formate der Populär-Kultur als mehr oder weniger selbstverständlich erscheinen, aber kulturgeschichtlich stellt gerade dieses Format eine spezielle Besonderheit dar. Was ist das Besondere daran? Der Mann wird hier als ein Objekt der lustvollen – mit Sex und Erotik aufgeladenen – Betrachtung präsentiert. Eine Form der Geschlechtsrollendarstellung, die – in dieser Art – zuvor nur auf Frauen bezogen bekannt war. Das wurde erst Möglich durch einen gravierenden sozialen Wandel, durch die Emanzipation der Geschlechter. Tatsächlich handelt es sich hier auch um eine Emanzipation des Mannes von konservativen Rollenvorbildern. Die fotografische Darstellung von Männern als PinUp wurde in den gesellschaftlichen Mainstream integriert.

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Das Video zeigt anschaulich die ironische Selbstinszenierung als männliches PinUp

Fotografische PinUps sind Bilder, die einen Einblick auf den menschlichen Körper geben und dabei die sexuelle Attraktivität der Körperlichkeit in besonderer Weise inszenieren. Dabei kann die Nacktheit, das Unbekleidet-Sein des Modells, wichtig sein, aber die Nacktheit an sich ist kein entscheidender Faktor für die öffentliche Bildrezeption. PinUps enthüllen den menschlichen Körper, jedoch niemals vollständig. Die Abbildung der totalen Nacktheit ist für die meisten PinUps eher unüblich. PinUps können im Kontext gesellschaftlicher Werte und Normen als „anstößig“ beurteilt werden, aber niemals als „unanständig“. Bei dieser Art von Fotografie, geht es eher darum die Phantasie anzuregen. Es handelt sich um ein Spiel mit den imaginierten Bildern und Phantasien im Kopf des Betrachters. Wahrscheinlich macht dies den besonderen Reiz dieser Bilder aus. Das Potenzial des visuell Möglichen wird so ungemein vielfältig erweitert und den jeweils individuellen Bedürfnissen des Betrachters angepasst. Der Phantasie werden keine Grenzen gesetzt. PinUps zielen auf die Schaulust des Betrachters.

Pin-Ups reduzieren die dargestellte Person auf ihre körperliche Attraktivität. Ein spezielles Können, der Beruf, sozialer Status spielen für die Abbildung keine Rolle. Werden bereits bekannte Personen als PinUps abgebildet, dient der Bekanntheitsgrad – die Popularität – lediglich als zusätzlicher Faktor für die erwünschte Aufmerksamkeit.
Das Wort PinUp weist auf den Gebrauchswert und den Entstehungshintergrund dieser Bildgattung hin. Es handelt sich um Fotografien, die man locker an eine Wand heften kann, die massenhaft reproduziert werden und ein sehr großes Publikum erreichen.

Damit ein großes Publikum erreicht werden kann müssen diese Bilder in weitverbreiteten illustrierten Zeitschriften ab druckbar sein. Der Freizügigkeit in der Darstellung sind daher bei PinUps Grenzen gesetzt. Die bildliche Darstellung muss sich weitgehen immer noch im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen bewegen und darf die Grenze zur Pornografie nicht überschreiten. Das Hauptobjekt von PinUps sind natürlich Frauen und die vorrangige Zielgruppe der Fotos sind natürlich Männer, aber nicht nur. Einige berühmt gewordene Pin-Up-Modelle konnten auch für Frauen zu attraktiven Vorbildern für Weiblichkeit und selbstbewusste Erotik werden.

Besonders en Vogue wurden Pin-Ups während des zweiten Weltkrieges bei den us-amerikanischen Soldaten. Sie hefteten die Fotos oft in die Innenseite ihrer Spins.
Pin-Ups werden speziell als herausnehmbares Faltblatt, als eine Art Beilage populärer illustrierter Zeitschriften und Magazine, und auch als in Massen produzierte Fotokarten verbreitet. Pin-Ups dürfen daher möglichst keinen pornografischen Charakter haben, da sie sonst unter die Zensur fallen würden und die öffentliche Verbreitung in diesem großen Ausmaß nicht möglich gewesen wäre. Pin-Ups müssen von ihrer Ästhetik so gestaltet sein, dass sie ohne weiteres von Jedermann/Jeder frau betrachtet werden können ohne das damit sofort eine negative moralische Stigmatisierung verbunden wäre.

Wie schon gesagt, sind die Hauptobjekte von PinUps besonders attraktiv inszenierte Frauen. Bis zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren es ausschließlich Frauen. Die ersten sehr berühmt gewordenen Modelle für fotografische PinUps waren der Hollywoodstar Betty Grabel und das Fotomodell Betty Page. Ihre fotografische Inszenierung als PinUp wurde zum Vorbild für viele nachfolgende PinUp-Produktionen. Fotografische PinUps zeigen Frauen auf Augenhöhe mit dem Betrachter, selbstbewusst in Szene gesetzt. Romantik, Verspieltheit oder naiver Charme spielen für die Darstellung eher eine sehr untergeordnete Rolle.

Grabel 2Betty Page

Im Zuge der Frauenemanzipation der späten 60er und frühen 70er Jahre veränderte sich der Blick auf PinUps gravierend. Auf der einen Seite entstand eine sehr kritische Diskussion innerhalb der Frauenbewegung. PinUps wurden wegen der objekthaften Darstellung von Frauen grundsätzlich abgelehnt. Zum anderen wurde aber auch zunehmend betont, dass ebenso Frauen ein Recht auf das lustvolle Betrachten des männlichen Körpers haben. Die öffentliche Darstellung des männlichen Körpers als PinUp war bis zu diesem Zeitpunkt ein Tabu. Zwar gab es auch in der Vergangenheit männliche Filmstars wie zum Beispiel Rudolfo Valentino, Errol Flynn und Clarke Gabel die speziell auch wegen ihrer erotischen Wirkung auf Frauen fotografisch in Szene gesetzt wurden, aber dabei stand die Filmdarstellung immer im Vordergrund. Fotografie war hier eher ein Nebenprodukt, das auch weitgehend den konventionellen Rahmen nicht verließ. Die öffentliche Darstellung der sexuellen Attraktivität von Männern galt als unangemessen. Männer in der öffentlichen Fotografie mussten stets von einer gewissen Aura der Autorität und des Respekts umgeben sein.

Anfang der 70er Jahre wurde das erste männliche PinUp veröffentlich. Die Frauenzeitschrift Cosmopolitan publizierte ein großes Faltblatt mit dem Foto des Schauspielers Burt Reynolds. Dieses PinUp sorgte für ein weltweites Aufsehen. Erstmalig wurde hier ein Mann abgebildet, in einer vergleichbaren Inszenierung, wie man es bisher nur von Frauen kannte. Wahrscheinlich wird Burt Reynolds allein durch dieses Foto mehr in Erinnerung bleiben als durch seine Filmrollen. Dieses PinUp ist mittlerweile ein Fotografie-Klassiker.

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Die Ästhetik männlicher Pinups ist allerdings im Vergleich zu den weiblichen PinUps sehr variabel und spiegelt somit immer noch klassische, kulturell geprägte Rollenbilder von Mann und Frau. Dies verweist vor allem auf die ganz entschieden andere Wahrnehmung der männlichen Körperlichkeit. Bei weiblichen PinUps geht es in der Wirkung sehr stark um Frische, jugendliche Makellosigkeit, Glattheit der Oberfläche, möglichst Alterslosigkeit. Erstaunlich ist hier auch, dass immer noch die fotografischen Pinups der 50er Jahre als Ideal gesehen werden, an denen sich auch die PinUp-Malerei und Grafik bis heute orientiert.

Hingegen ist das männliche PinUp unabhängig vom Alter der Modells. Zum Beispiel wurde Sean Connery 1989 mit 69 Jahren zum „Sexiest Man Alive“ und 1999 im Alter von 79 Jahren zum „Sexiest Man oft he Century“ gewählt. Was damit deutlich gemacht wurde: Seine Abbildung hatte offensichtlich nicht, durch das Alter, an sexueller Attraktivität verloren.

ca. August 1975 --- Sean Connery --- Image by © Douglas Kirkland/CORBIS
Image by © Douglas Kirkland/CORBIS

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Gerade an den sehr unterschiedlichen Titelträgern von „Sexiest Man Alive“ wird sichtbar, dass es bei Männern eher die Gesamtwirkung bzw. die Gesamtwahrnehmung der Person ist, die sie zu einem wirkungsvollen PinUp macht. Also ein bestimmtes Image muss in die fotografische Performance integriert sein. Bei Burt Reynolds war es mit Sicherheit das des lockeren, unkomplizierten Draufgängers mit dem man Spaß haben konnte. Eine Performance, die besonders in die Aufbruchsstimmung der 70er Jahre passte. Bei Sean Connery war es das Bild der traditionellen soliden Männlichkeit, gepaart mit Abenteuer und Dominanz. In den späten 80er und 90er Jahren der 20. Jahrhunderts durchaus auch ein Spiegel des aufkommenden Neokonservatismus, der vor allem an der Bestätigung und Optimierung des Bestehenden interessiert war, jedoch innovative Reformen nur noch kritisch diskutierte. Sicherheit in einer unsicherer werdenden Zeit, mit ungewisser Zukunft, wurde wichtiger.

Dwayne Johnson, der aktuelle „Sexiest Man Alive“ 2016 ist in der Reihe der Titelträger sehr ungewöhnlich. Sein Image ist geprägt von Begriffen wie Kampfgeist, Durchsetzungsvermögen, Kraft mit einer Portion Aggressivität. Wie man jedoch aus den Medienberichten zu seiner Nominierung ersehen konnte, wird er nicht einfach nur als Macho wahrgenommen. Es wurde in den medialen Berichten über ihn immer auch auf seine sozialen Rollen als Familienvater, als erfolgreicher Schauspieler und ehemaligen Footballspieler und Wrestler verwiesen. Attribute, die seine sexuelle Attraktivität offensichtlich steigerten. Im Grunde wird hier der amerikanische Traum imaginiert, der für so viele US-Amerikaner keine unmittelbare reale Relevanz mehr besitzt. Der sozialer Aufstieg  durch Kraft, Einsatz, Ausdauer und Beständigkeit. So verweisen besonders die männlichen PinUps immer auch auf sich wandelnde gesellschaftlich-kulturelle Stimmungen und Bedürfnisse. Vielleicht bekommt deshalb die jährliche Nominierung zum Sexiest Man Alive eine so große mediale Aufmerksamkeit. Bekannte fotografische männlichen PinUps repräsentieren wechselnden Zeitgeist. Hingegen repräsentieren die weiblichen fotografischen PinUps fast ausschließlich den Wunsch nach Lust und Verfügbarkeit. Und sie appellieren vor allem an ein unkompliziertes Beziehungsverhältnis zwischen Mann und Frau. Trotz aller Emanzipation der Geschlechterrollen, bleibt das weibliche PinUp – mehr denn je – im Land der männlichen sexuellen Phantasie verortet.

Rolf-Michael Hilkenbach