Man sah sich, man traf sich…so sexy kann Anarchie sein. Zur Erinnerung an Jutta Winkelman

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Im Jahr 1967 flüchteten die Zwillinge Jutta und Gisela Schjutta-und-giselamidt aus dem kleinbürgerlich, provinziellen ihrer Heimatstadt Kassel in das aufregende Berlin, um Kunst, Film und Theater zu studieren……und landeten in der berühmt berüchtigten „Kommune I“. Getragen vom Bewusstsein, zu einer Generation zu gehören, die eine ganze Welt verändern wird, wurden die hübschen jungen Frauen schnell zu alternativ glamourösen Ikonen der 68er Bewegung. Ähnlich wie Rainer Langhans, Uschi Obermaier und auch Bommi Baumann symbolisierten sie die Attraktivität, die „Sexiness“, dieser Jugendrevolte. Freie Liebe, Sex und Drogenrausch, alles Private ist politisch, es gibt keine Trennung zwischen privat und öffentlich, alles ist öffentlich. Nur die „Direkte Aktion“ im unmittelbaren Lebensumfeld kann wirklich etwas verändern. Dem spießigen bürgerlichen Versteckspiel hatten Jutta und Gisela den Kampf angesagt.

William Mellor hatte den Begriff dazu schon 1920 geprägt, „Direct Action“. Für die Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen späterer Jahrzehnte ganz wichtig. Die Anarchistin Emma Goldmann formulierte die eigentliche Idee schon 1911 sehr anschaulich: „Die direkte Aktion, die sich schon auf ökonomischem Gebiet als erfolgreich erwiesen hat, ist im Bereich des Individuums gleichermaßen wirksam. Hunderte von Zwängen beeinträchtigen dort sein Dasein, und nur hartnäckiger Widerstand dagegen wird es endlich befreien. Direkte Aktion gegen die Betriebsführung, direkte Aktion gegen die Autorität des Gesetzes, direkte Aktion gegen den zudringlichen, lästigen Einfluss unseres Moralkodexes ist die folgerichtige, konsequente Vorgehensweise des Anarchismus.“

Jutta und Gisela hielten sich mit der Theorie nicht lange auf, sie praktizierten es. Raus aus den Zwängen, Freiheit leben, Selbstverwirklichung wurden zu ihren Lebensthemen. Beide Frauen heirateten sehr früh, aber das hinderte sie auf keinen Fall daran, den jeweils ganz eigenen Lebenswegen zu folgen. Sie reüssierten als Schauspielerin, Regisseurin, Fotomodell, Schriftstellerin und bildende Künstlerin. Aber durch nichts wollten sie sich wirklich binden lassen. Immer wenn es zu professionell wurde, sprangen sie ab.

Nachdem die Revoluzzer-Szene in Berlin etwas ausgereizt war, zog es die zwei Frauen nach Rom. Dort lernten sie den 16jährigen Milliardärssohn John Paul Getty kennen, der sich ebenfalls auf dem „Aussteiger-Trip“ befand; vor allem auf der Flucht vor seinem erzkonservativen Großvater, dem reichsten Mann der Welt. Zum neuen Bekanntenkreis zählten nun auch einige Mafiabosse. Wenig später heiratete die 23jährige Gisela den 16jährigen. Die Drei lebten eine freundschaftliche Mé-nage-à-trois. Jutta war mit dem Filmemacher Adolf Winkelmann verheiratet, von dem sie sich aber mittlerweile getrennt hatte.

In Italien wurden Jutta und Gisela zu den am meisten fotografierten Modells. Und wie selbstverständlich, interessierten sich auch der Filmproduzent Carlo Ponti und die Regisseure Frederico Fellini und Bernardo Bertolucci für die spektakulären „Twins“. Das fanden die Beiden ganz unterhaltsam, an längerfristigen Engagements waren die Zwillinge jedoch nicht interessiert. In Italien bekam das freie, ausgeflippte Hippieleben den ersten Knacks: John Paul Getty wurde von der Mafia entführt, ein Ohr wurde ihm von den Entführern abgeschnitten, und die Zwillinge wurden von der Polizei verdächtigt an der Entführung mitgewirkt zu haben. Tatsächlich hatten die Drei mit solchen Gedanken gespielt. Gisela Getty in einem Interview mit dem „Stern“:

„Wir haben uns damals als Götterkinder gefühlt. Wir haben natürlich mit so einem Gedanken gespielt. Paul kannte ja so ein paar Mafia-Leute, wir fanden die auch nett, es waren junge, nette Typen. Paul kam eines Tages an und sagte: „Wäre so eine Entführung nicht eine tolle Idee?“ Und wir fanden es dann auch toll, dachten, wir machen Geld und kaufen uns irgendwo in Marrakesch ein großes Schloss. Es ging uns aber nicht darum, reich zu werden. Wir hatten die Vision, dort eine Auserwählten-Kommune zu gründen, eine alternative Welt zu gestalten. (…) Jaja. Es war alles sehr kindlich, recht naiv. Aber die Mafiosi spielten Spiele, die wir nicht kannten. Harte Männer-Spiele. Wir als 68er-Blumenkinder waren da völlig überfordert.“

Nach Italien ist die nächste Station San Francisco, Kalifornien, die Hauptstadt der Flower-Power-People. Und ganz natürlich trafen sie hier Sean Penn, Bob Dylan, Leonard Cohen, Dennis Hopper, Mick Jagger, Andy Warhol, Roman Polanski und Robert de Niro. Jutta und Gisela mitten drin, in der Swinging `68 Generation.

In ihrer Doppelbiografie „Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen“, (2008), versuchten sie eine Dokumentation dieser Zeit.

Mitte der siebziger Jahre gründete Jutta Winkelmann zusammen mit Rainer Langhans in München die spirituelle Lebensgemeinschaft „Harem“, der sich auch ihre Schwester Gisela anschließt. Ihre geistige Heimat finden die Zwillinge in der indischen Philosophie und dem Buddhismus. Über diese Erfahrung veröffentlicht Jutta Winkelmann 1999 ein Buch: „Das Harem-Experiment: Begegnungen mit Rainer Langhans, dem letzten APOnauten“.

2014 machte Jutta Winkelmann ihre Krebserkrankung öffentlich. In einem beißend anarchischen Comicbuch reflektiert sie ihr Krankheitserleben: „Mein Leben ohne mich“, (2016). Chemotherapie lehnt sie ab, auch die verordnete Schmerzmedikation schränkt sie ein. Sie will ihren Verstand nicht vernebeln, sie will ganz klar sein, bis zuletzt. Sie will niemals Opfer von Zuständen sein und seien sie noch so unabwendbar. Sie möchte Kommentatorin sein und sucht nach dem Sinn der zerstörerischen Prozesse in ihrem Körper. Reflektion bis zum Ende. Alles ist öffentlich, nichts ist privat, das Private ist politisch. Das Konzept wird durchgezogen. Das Krankenzimmer ist nicht tabu. Kamerateams und Journalisten haben Zutritt, solange es möglich ist. Gisela macht ein letztes Foto von ihrer Schwester auf dem Sterbebett…und das Bild wird in der Zeitschrift „Stern“ veröffentlicht. Sie wiegt nur noch 30 Kilogramm. Jutta Winkelmann zerbrechlich schön, in weiße Laken gehüllt, im Zwielicht des Übergangs.

Im Beisein von ihrem Lebenspartner Rainer Langhans und ihrer Schwester Gisela Getty stirbt Jutta Winkelmann am 23. Februar 2017, im Alter von 67 Jahren, in ihrer Münchner Wohnung.

Zitat aus dem Stern-Interview: „Ich hatte ein sehr starkes Lichterlebnis. Aber das war nicht so, wie man sich das vorstellt. Es war sehr schön. Deswegen habe ich jetzt keine Angst mehr vor dem Tod. Ich würde Ihnen gerne erklären, dass das Nichts nicht nichts ist. Aber ich finde nicht mehr die Worte. Habe nicht mehr die Kraft. Schade. Wenn ich jetzt ein Buch noch schreiben würde, was ich gerne würde, wäre es optimistischer, ich würde schreiben, dass man keine Angst haben muss, dass man definitiv zum neuen Leben kommt.“

Siehe auch:

Arno Luik: Es ist die Nachtfahrt der Seele. Interview mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann, Zeitschrift „Stern“, 24. Februar 2017 (Ouelle der Zitate)

Irmgard Hochreither: Gras, Koks und hochfliegende Ideen. Interview mit Jutta Winkelmann und Gisela Getty, Zeitschrift „Stern“, 20. Februar 2008

Rolf-Michael Hilkenbach

Es hat Alles nix mit nix zu tun! Die links-liberale und links konservative Lebensphilosophie

Es hat alles nix mit nix zu tun! Auf keinen Fall hat irgendwas mit Flüchtlingen und Islam zu tun. Und auf alle Fälle hat es nicht, mit den offenen Grenzen zu tun. All die schrecklichen Tötungsdelikte sind nur bedauerliche Einzelfälle, Taten von psychisch gestörten, verhaltensauffälligen Menschen. Und wenn es noch keiner verstanden haben sollte: Diese Menschen wurden verführt! Sie sind also niemals voll verantwortlich für das was sie tun. Schuld hat, wenn jemals von Schuld gesprochen werden kann, irgendwie nur der Staat, weil er nicht genügend Psychotherapie und Sozialpflege für diese bedauernswerten Menschen zur Verfügung stellt.

Und gegen Terrorismus kann man sowieso nichts ausrichten. Da wird man mit leben müssen. Für die Opfer unvermeidlicher Mordattentate können wir ja beten, falls da jemand etwas mit anfangen kann. Ansonsten bestellen wir die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten, die so schön betroffen tröstliche Worte von vorgefertigten Textblättern ablesen können. Und der Innenminister kann so schön auswendig Gelerntes vortragen. Es ist im Grunde immer das Gleiche, aber das ist nicht weiter schlimm, es wirkt irgendwie professionell, so als ob sie einen Kurs in Trauerbegleitung absolviert hätten.

Importierte, hochgefährliche Kriminalität? Nein….diese Menschen sind doch nicht schlimmer als einheimische Mörder, Totschläger und Vergewaltiger. Es gibt hier überhaupt keine Unterschiede. Und es ist eben ein Ausdruck von Freiheit, dass Menschen ihre Ausweispapiere wegwerfen können und mehrfach die Identität wechseln. Bäumchen Wechsel dich, ist doch ein spannendes Fangspiel. Es bietet dem Bundesgrenzschutz und der Polizei Gelegenheit zum Training. Und der BND Bundesnachrichtendienst hat auch etwas zu tun und kann etwas zu seiner Existenzberechtigung vorlegen.

Sogenannte „Gefährder“, oder besser gesagt lebende Zeitbomben, in Sicherheitsverwahrung nehmen? Oder moderne Technologie, wie elektronische Fußfesseln einsetzen? Nein… das geht doch nicht in einer offenen Gesellschaft. Wir sind ein Rechtsstaat! Und die Anzahl der „Gefährder“ ist doch bekannt, über 500 sollen es jetzt sein. Das muss doch reichen. Und das diese Leute ganz plötzlich verschwinden können und sich wie in Luft auflösen, ist eben Ausdruck einer immer komplexer werdenden Gesellschaft. Da kann man kaum etwas gegen tun. Und manchmal gelingt es ja einen zu erschießen oder es bring sich jemand selbst um, rechtzeitig bevor sie Informationen über ein terroristisches islamisch-salafistisches Netzwerk erzählen könnte. Das könnte nur die Aluhut-Menschen, die Verschwörungstheoretiker beflügeln.

Ja…die „Gefährder“ können unbehelligt durch ganz Europa reisen und ihre Kontakte in einem islamisch-salafistisches Netzwerk pflegen. Man geht einfach über die grüne Grenze oder einschlägige Reisebüros bieten günstige Pauschalangebote. Die uneingeschränkte Reisefreiheit in Europa muss aber auf alle Fälle erhalten werden. Lange Grenzen lassen sich eben nicht kontrollieren. Und ja……wir wissen um einen internationalen Handel mit Sprengstoffen und Waffen aller Art wo sich „Gefährder“ wie in einem Kaufhaus bedienen können. Und ja…. es gibt auch ein Beratungssystem für Terroranschläge. Was soll man auch dagegen machen!

Und wer es immer noch nicht verstanden haben sollte: Schuld haben immer die USA und Russland, ganz besonders Wladimir Putin. Und natürlich der Kolonialismus. Der ist schon lange vorbei, eignet sich aber immer ganz gut als Erklärungsmodell. Je nach Standpunkt können wir nebulös die eine oder andere Sicht einnehmen und die Welt ist wieder in Ordnung. Persönliche politische Verantwortung ist zu kompliziert.

Und Nein und nochmals Nein, wir dürfen auf alle Fälle keine Moscheen kontrollieren. Das sind Gotteshäuser, genauso wie die christlichen Kirchen. Einige hetzerische Prediger aus diesen Moscheen sind ja auch bekannt. Und wir wissen auch schon seit Jahren, dass es gerade im Ruhrgebiet Zentren von radikalen Islamisten gibt. Aber darüber darf man nicht viel reden. Es könnte zu einem Generalverdacht gegen den Islam führen.

Differenzierte Aufklärung kann sich unter Umständen ins Gegenteil wenden. Lieber überlassen wir die Bevölkerung einer wilden Spekulation. Das beweist dann doch noch einmal, dass eben Alles nix mit nix zu tun hat und die meisten Menschen eben dumm sind. Aufklärung ist eben nur was für ein besserwisserisches links oder auch konservativ liberales Establishment.

Wir klären euch darüber auf, wie es so in der Welt zu geht. Eure Sorgen und Ängste, sind für uns ein Amüsement, etwas wo man sich bei Bedarf drüber lustig machen kann. Und verdammt noch mal, wenn ihr nun absolut die AfD wählen wollt, oder den Trump in den USA, dann seht doch zu wie ihr fertig werdet. Wir haben mit euch und eurer Lebenswelt nichts aber auch gar nichts zu tun, ihr seid einfach zu blöd um die Welt zu verstehen. Wir haben unsere eigene Gesellschaft und die gewählte Regierung ist dafür da, dass diese „freiheitliche“ Gesellschaft erhalten wird. Wir brauchen diese absurden Nationen und Staaten nicht mehr. Wir leben grenzenlos, international, ätsch. Und warum? Weil wir es uns leisten können! Deshalb unterstützen wir auch TTIP und CETA und Europa. Da können vor allem WIR alles machen was WIR wollen, ohne diese kleinkarierten, kritischen nationalen Einmischungen. Wo kämen wir denn hin, wenn sich demokratische Institutionen ständig in unsere Lebenswelt einmischen.

Überrascht und wieder mal Betroffen

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Ich hatte es noch nicht mitbekommen! Und sofort war die Erinnerung wieder da, eine Begegnung im letzten Jahr 2015, im Sommer. Ich stand im Eingangsbereich der Villa Hügel. Eine blonde Frau stand an der Pförtnerloge und diskutierte mit einem Securitas-Mitarbeiter. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber wer war sie denn eigentlich noch? Es fiel mir nicht sofort ein und ich musste sie wohl sehr intensiv angeschaut haben. Sie merkte es, drehte sich lachend um. Ich sagte: „Irgendwoher kenne ich Sie.“ Sie schaute mich mit großen aufgerissenen Augen an und sagte: „Ja, jetzt raten Sie mal!“ Und blitzartig war der Name da: BRIGITTE HAMANN. Sie lachte wieder laut und rief: „Der Kandidat hat 99 Punkte!“ Ich war begeistert: Die berühmte Historikerin, Habsburg-Expertin und Bestsellerautorin stand vor mir. Dann hatten wir ein interessantes Gespräch. Sie interessierte sich sehr für die Krupp-Geschichte und wir waren uns einig, dass Alfred Krupp eine sehr interessante Person sei. Sie erzählte, dass sie auf einer kurzen Stippvisite in Essen sei, ihrer alten Heimat. Sie wollte aber jetzt wieder nach Wien, zurück an ihrem Schreibtisch. Ohne Schreiben, könnte sie nicht sein. Ich schlug ihr noch vor eine neue Biografie über Alfred Krupp zu schreiben. „Mal sehen, mal sehen“, rief sie lachend und drückte mir die Hand. Wir wünschten uns gegenseitig noch alles Gute, dann stieg sie in ein Auto, das auf sie wartete und ich winkte ihr hinterher.

BRIGITTE HAMANN wurde 1940 in Essen geboren. In Münster und Wien studierte sie Geschichte und Germanistik, machte eine Ausbildung zur Realschul-Lehrerin, später arbeitete sie als Ruhrgebietsjournalistin. In Wien heiratete sie den Historiker Günther Hamann. Die österreichische Geschichte wird von nun an ihr Hauptthema. Ihre Dissertation schreibt sie über das Leben von Kronprinz Rudolf und die Mayerling-Affäre. Die Arbeit wird 1000 Seiten lang. Eine abgespeckte Version „Rudolf – Kronprinz und Rebell“, ihre erste Buchveröffentlichung, wird sofort zu einem großen Erfolg.

Brigitte Hamann wollte unter Beweis stellen, dass wissenschaftlich-historische Arbeit nicht im Widerspruch zu guter Lesbarkeit stehen muss. Sie wollte breite Bevölkerungsschichten für historische Themen interessieren. Und das war ihr absolut gelungen. Brigitte Hamann war eine gute Historikerin, vor allem aber auch eine gute Geschichtenerzählerin.

Ihr darauf folgendes Buch, war die spektakuläre Biografie über Elisabeth von Österreich. Sie entdeckte die Tagebücher der Kaiserin und räumte in ihrer Arbeit mit dem Sissi-Kitsch auf. In dem Buch „Elisabeth – Kaiserin wider Willen“ zeichnete sie das Bild einer sehr depressiven, exzentrischen Frau mit narzisstischen Zügen.

Und mit noch einer Ikone der österreichischen Geschichte setzte sie sich kritisch auseinander: „Nichts als Musik im Kopf – Das Leben des Wolfgang Amadeus Mozart“.

Später beschäftigte sich Brigitte Hamann auch mit dem Nationalsozialismus. Mit „Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators“ öffnete sie ganz neue Perspektiven auf das Leben von Adolf Hitler. Ebenso spannend das Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“.

Hoch interessant auch ihre Bücher, über die Zeit des Ersten Weltkrieges: „Bertha von Suttner – Kämpferin für den Frieden“ und „Der Erster Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Texten und Bildern“.

Die FAZ nennt Brigitte Hamann in einem Nachruf „Die ungekrönte Königin im Reich der Historiker“. Der „Tagesspiegel“ charakterisierte ihr Werk und ihre Arbeitsweise mit der Überschrift „Akribische Enthüllungen“. Der britische Historiker Norman Stone rühmte im „Wall Street Journal“ das Werk von Brigitte Hamann als einen Triumph der Grundlagenforschung auf steinigem Feld.

Brigitte Hamann verstarb im Alter von 76 Jahren, am 4. Oktober 2016 in Wien.

Verantwortung und Terror, meine polemische Aufregung

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach; furchtbare Ereignisse in Deutschland, mörderische Taten, begangen von Zuwanderern aus anderen Ländern. Zahlreiche Menschen sind hier ums Leben gekommen. Kaum zu ertragen, die teilweise absurde öffentliche Diskussion um die möglichen Ursachen diese Angriffe: Die Täter mit Migrationshintergrund seien psychisch-sozial besonders belastet gewesen, vielleicht sogar regelrecht psychisch krank. Sie hätten einen ziemlichen Leidensdruck auszuhalten; so als ob solche Taten irgendwie als Kollateralschaden der Migration mit in Kauf genommen werden müssten. Müssen wir dafür irgendein Verständnis haben? Ich sage: NEIN!!! Für mich sind diese mörderischen Angriffe Verbrechen, schwerste Kriminalität, nichts anderes!

Hat jemand mal über den Leidensdruck der Opfer und ihrer Angehörigen nachgedacht?

Am schrillsten die absolute „Verharmlosungsthese“: Bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, sei wahrscheinlicher als bei einem Terrorakt getötet zu werden. Also mit anderen Worten: Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist vollkommen unberechenbar. So spielt halt das Leben.

Vergleichbares hört und liest man immer wieder auch, wenn es um sexuelle Übergriffe von männlichen Migranten geht (der „Kulturschock“, den die armen Menschen durchleben müssen). Die einzige Lösung: Frauen sollen sich im Umgang mit orientalischen Männern weniger freizügig kleiden und immer eine Armlänge Abstand halten. Und sie sollen natürlich bedingungslos akzeptieren, das man ihnen nicht die Hand reicht.

Schuld sind auf einmal nicht mehr die Täter, sondern die Opfer (und die Gesellschaft drum herum). Die Opfer werden zu Angeklagten.

Man stelle sich eine ähnliche Diskussion im Zusammenhang mit dem Unglück in Duisburg bei der Loveparade vor (Pech, wenn man an so einer Massenveranstaltung teilnimmt) oder bei den Morden der NSU (Die Mörder können nichts dafür, sie sind einfach nur dumm). Henry M. Broder hat vor Kurzem auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Jetzt werden auch noch die Informationsmedien in die Haupt-Verantwortung genommen: Man darf über solche Ereignisse nicht berichten, weil potentielle Nachahmer dann zu solchen Taten verleitet werden.

Und als die Krönung der präventiven Gegenmaßnahmen: Verstärkte Rucksack- und Zimmerkontrollen in Asylbewerberunterkünften und eine kritische Sicht auf gewaltverherrlichende Shouter-Videospiele.

Auch hier trägt wieder der Täter keine Verantwortung. Er wird zu einem willenlos Opfer stilisiert, vorrangig manipuliert durch äußere Einflüsse. Was für ein geistiger Blümchenkaffee!

Verantwortlich für diese Taten sind letztendlich die Menschen, die sie begangen haben und die Menschen (Politiker) die verantwortungslos und leichtfertig mit dem Phänomen Zuwanderung umgehen.

Zwei Zitate klären den Sachverhalt um den es tatsächlich geht.

Henry M. Broder in einem Artikel der WELT:
„Der Preis für die Politik der offenen Grenzen werden nicht die Einheimischen, sondern die Dazugekommenen bezahlen. Jede Warnung vor einem Generalverdacht (in Bezug auf die Flüchlinge) bewirkt genau das Gegenteil. Und jeder Hinweis auf die statistische Unwahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, bestätigt nur die Vermutung, dass die Gefahr zwar unberechenbar, aber allgegenwärtig ist“

Sahra Wagenknecht (Stellvertretende Vorsitzende der Partei DIE LINKE):
„Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer sehr großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern zumindest mit erheblichen Problemen verbunden und sehr viel schwieriger ist, als Frau Merkel uns das mit ihrem ‚Wir schaffen das‘ im letzten Herbst einreden wollte.“

Sex mit den „Domspatzen“

 

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Und wieder ein Missbrauchsskandal aus dem kirchlichen Bereich. Diesmal ca. 700 Opfer bei den „Regensburger Domspatzen“

Zitat aus einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 8. Januar 2016

„Mindestens 231 Kinder sollen zwischen 1953 und 1992 bei den Regensburger Domspatzen misshandelt, weitere 50 sexuell missbraucht worden sein. Fast viermal so viele Opfer wie das Bistum bis dato eingeräumt hatte. Hier noch von Einzelfällen zu reden, wäre zynisch. Es handle sich um ein System, sagt Anwalt Ulrich Weber, den das Bistum vor einem Dreivierteljahr beauftragt hat, den Missbrauch bei den Domspatzen lückenlos aufzuklären. Mehr noch als die Zahlen erschrecken die Ereignisse hinter den Zahlen. Die sexuellen Übergriffe reichten „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“. Darüber hinaus seien die Kinder teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, mit dem Siegelring, mit dem Schlüsselbund. Und wenn eines der Kinder vor Angst ins Bett gemacht habe, sei es zur Strafe vor seinen Mitschülern bloßgestellt worden.“

Kinder sind in unserer Gesellschaft Verfügungsobjekte. Auch wenn sich das offen autoritäre gesellschaftliche Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen zu einem mehr partnerschaftlichen gewandelt hat, ist es doch eine Tatsache, dass immer noch Kindern ein Recht auf individuelle Existenz abgesprochen wird. Kinder haben Erwachsenen zur Verfügung zu stehen, ein soziales Anhängsel des erwachsenen Lebens, auf keinen Fall mehr. Kinder sollen die Wichtigkeit ihrer erwachsenen Bezugspersonen steigern, vor allem wenn andere sozialen Lebensbereiche dazu nicht taugen, sie sollen Erwachsenen einem Lebenssinn vermitteln, Kinder sollen das Prestige von Erwachsenen fördern, ein Aushängeschild für den eigenen Lebenserfolg sein….und gerade heutzutage sollen Kinder emotionale Bedürfnisse der Erwachsenen befriedigen, fehlende erwachsene, unbeständige Partnerschaft ersetzen, psychoemotionale Zuwendung sichern, drohende Einsamkeit kompensieren. Im Streitfall zwischen Erwachsenen wird vor Gericht über die Verfügung der Kinder gestritten, quasi ein Besitzrecht auf Kinder eingeklagt. Dieses verdeckt autoritär, ausbeuterische Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wird bisher nicht in Frage gestellt. Am Augenfälligsten zu studieren an der Skandalgeschichte um das exklusive Landerziehungsheim Odenwaldschule. Die Lehrer hatten keinerlei Skrupel die sexuelle Ausbeutung der Schüler mit einem seltsamen pädagogischen Ethos zu rechtfertigen.

In kapitalistischen Gesellschaftssystemen wird dieser Zusammenhang noch weiter forciert. Aus zwischen menschlichen Beziehungen soll Kapital geschlagen werden, im wahrsten Sinne des Wortes, wie an der zunehmenden Vermarktung von Kindheit zu sehen ist: Ein ausgeklügeltes Merchandising von Kindheit mit einer Vielzahl von Produkten soll die Kassen klingeln lassen. Das Kind als Konsument hat noch zu keiner Zeit eine so große Bedeutung erlangt. Das Kind soll gesellschaftlich effizient und effektiv sein, ganz auf die Bedürfnisse der Erwachsenenwelt abgestimmt. Die anscheinende Anpassung an kindliche Bedürfnisse dient einzig und allein der Gewinnmaximierung. Das Kind wird nicht als Individuum respektiert, sondern nur in Bezug auf einen speziellen Mehrwert für die Erwachsenenwelt. Ein Mehrwert, der Liebe, Attraktivität, soziale Anerkennung, materiellen Gewinn ….oder auch Sex verspricht. Und wenn das Kind nicht bereit ist diesen Mehrwert freiwillig, unkompliziert zu vermitteln, dann darf die Erwachsenenwelt diesen Mehrwert auch schon mal mit Gewalt einfordern; darüber herrscht ein Stilles einvernehmen oder ein nicht Wahr-Haben-Wollen, eine soziale Blindheit, denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Eignet sich das Kind für diesen speziellen Mehrwert nicht, kann es ganz gefährlich, gar lebensbedrohlich werden. Das Kind ist für den Erwachsenen dann nur noch Last, ein Problem, das auch schon mal in der Mülltonne entsorgt wird.

Nur vor diesem Hintergrund sind gesellschaftliche Phänomene wie sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderprostitution und ein ungeheurer, weltumspannender Markt von Kinderpornografie zu verstehen. Das gesellschaftliche Verhältnis von Kindern und Erwachsenen ist ein ökonomisch geprägtes Machtverhältnis. Wir brauchen dringend eine politische und moralische Diskussion, die dieses Verhältnis kritisch reflektiert und hinterfragt. Die Missbrauchsskandale im kirchlichen Bereich sind hier nur ein Spiegel dieser Verhältnisse und in diesem Spiegel sollte sich die gesamte Erwachsenenwelt betrachten. Diese Skandale im kirchlichen Bereich sind problematischer als in anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen, weil hier eine christliche Moral vorgibt es besser zu machen, weil hier einer gottgegebenen und nicht weltlichen Ordnung gedient werden soll, weil gerade hier Kinder vor Ausbeutung, Gewalt, Missachtung, Willkür, Unterdrückung und Demütigung geschützt sein sollten. Umso größer ist hier die Verantwortung, da christliche Kirchen anspruchsvoll Lebensorientierungen vermitteln wollen. Umso intensiver muss das System sexueller Ausbeutung von Kindern im kirchlichen Lebensraum zum öffentlichen Thema werden.

 

Das Glück liegt nicht am Sonnenstrand – Gastbeitrag von Martina Kroll

SonnenstrandIch muss immer wieder staunen. 
Ausgerechnet die sogenannte „spirituelle Szene“ wirbt mit Seminaren in Kenia, auf Lesbos, in Marokko, auf Ibiza, Teneriffa… 
Menschen, die in Kontakt zu Engeln stehen sollen oder zur geistigen Welt. 
Warum müssen die Teilnehmenden der Seminare um die halbe Erdkugel fliegen und dabei die Welt verpesten, um ein bisschen in die eigene Mitte, zu sich selbst, oder wo auch immer hin zu kommen?

Wenn ich das Radio anschalte, werben Moderatoren ständig für Flugreisen und Kreuzfahrten, die es zu gewinnen gibt. Eingeblendet werden laute jubelnder Menschen, die bereits gewonnen haben.

Seit Fliegen billig geworden ist, kann sogar die „deutsche Putzfrau“ nach Mallorca, können Berufsgestresste für einen kurzen Trip in weit entfernte Länder ihrer Sehnsucht fliegen. Eine Generation zuvor ging das noch per Anhalter oder Interrail. 
Jetzt sehe ich auf Facebook immer wieder Fotos vom Grand Canyon, die Kulisse New Yorks oder Sydneys, Füße am Strand oder Pool mit Palmen und Drinks.

Und ich sehe Bilder von verhungernden Kindern, flüchtenden Menschen, verseuchten Flüssen, versmogten Großstädten in China und Indien.

Kriege werden um die Ressourcen der Welt geführt, Menschen werden Opfer dieser Kriege.

Wenn diese Menschen dann an Europas Grenzen stehen und von einer besseren Welt träumen, frei von Krieg und Zerstörung, bekommen sie, die Opfer dieses Wahnsinns, von vielen die Türe zugeschlagen.

Aber das gehört zu unserer Freiheit dazu. 
Im Winter in warme Gefilde fliegen, dem Alltag entkommen, an die idyllischsten Orte, die dafür von der Tourismusindustrie zerstört werden. 
Nicht hinterfragt vom Radiomoderator, nicht einmal von Engelmedien und anderen „Heilern“.

Doch die Idylle trügt. 
Auf Lesbos werden inzwischen tote Menschen, auch Kinder angespült. Sie, die sich vor dem Krieg in unsichere Schrottboote begaben. 
An einst touristischen Stränden werden die Folgen des Wahnsinns deutlich. 
Da nützt es nichts in den Drink am Pool zu starren oder im Yogasitz auf den Klippen zu sitzen.

Wir können den Zusammenhang nicht mehr leugnen.

Ich wünsche mir mehr Menschen, die schon den Kindern etwas anderes vorleben. Moderatoren, die andere Werte vertreten. Vorbilder, von denen Licht ausgeht – auch im tiefsten Winter.
Das Glück liegt nicht am Sonnenstrand, sondern in uns selbst. 
Der Weg führt nicht entlang des Himmels, sondern im Wechselspiel zwischen uns und dem Himmel. 
Flügel haben wir nicht bekommen, aber ein Herz und Verstand.

Martina Kroll

Die gespaltene Gesellschaft, No-Go-Areas und das Flüchtlingsproblem

Gespaltene Gesellschaft

Zurzeit wird Deutschland mit einer Welle von Flüchtlingen aus kriegsverwüsteten und sich wirtschaftlich, politisch auflösenden Staaten konfrontiert. 8ooooo Menschen sollen mindestens noch aufgenommen werden; für die Zukunft, Ende offen. Viele deutsche Bürgerinnen und Bürger fordern, das sei doch selbstverständlich, in der Not müssen wir helfen! Aber ist ein weitgehend ungeregelter Zuzug von Menschen aus anderen Ländern wirklich sinnvoll, können die daraus entstehenden Probleme bürgerschaftlich, ehrenamtlich gelöst werden (ein Vorschlag des Migrationsforschers Klaus J. Bade) oder brauchen wir nicht doch vor allem politische Lösungen oder zumindest politische Antworten statt auf Dauer angelegte caritative Notfallhilfe?

Meine Antwort lautet: Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz aus dem klar und eindeutig hervorgehen muss, wie in Zukunft die Integration von Zuwanderern aussehen kann. Ohne solche ein Gesetz, ohne vernünftige politische Antworten, ist eine weitere Zuwanderung unverantwortlich und birgt ein hohes gesellschaftliches Konfliktpotential. Die Gewalttaten gegenüber Asylantenunterkünften und die immer wieder vorkommenden gewalttätigen Übergriffe bei ausländischen Mitbürgern geben ein deutliches Signal. Es ist nicht richtig diese Ereignisse allein auf rechts-politische Konfliktzündelei zurückzuführen. Öffentlich treten hier rechtsradikale Gruppen auf, aber sie können durchaus auch mit einer schweigenden und unerkannten Zustimmung bei nicht wenigen ängstlich, verunsicherten Menschen aus der deutschen Bürgerschaft rechnen. Diese Menschen reagieren nicht offensiv, sie verweigern sich im Stillen. Und das ist die eigentliche Gefahr, die jede Form von Integrationsbemühung konterkariert. Ist unsere deutsche Gesellschaft integrationsfähig? Lenkt die Diskussion um den Flüchtlingstrom nicht auch von grundlegenden Problemen der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung ab? Welche Perspektiven, bietet unsere Gesellschaft den zugewanderten Menschen, die sich hier ein besseres Leben erhoffen?

Wir haben eine Gesellschaft in Deutschland wo Arm und Reich immer mehr voneinander separiert werden. Die Entwicklung der Wohnquartiere in den Städten zeigt dies deutlich. Die Mieten steigen ins Unendliche, von Menschen mit Durchschnittseinkommen nicht mehr bezahlbar, luxuriöse Wohneigentum, für die meisten Menschen unerreichbar. Aus diesen Quartieren werden Menschen aus unteren sozialen Schichten systematisch ausgegrenzt. Allenfalls als Dienstboten, werden sie zugelassen.

Reiche in unserer Gesellschaft bauen sich ihre eigene Welt: Privatschulen, Privatkindertagesstätten, Krankenhäuser und Pflegeinrichtungen auf Luxusniveau, schießen wie Pilze aus dem Boden. Spezielle Wartezimmer für Privatpatienten in Arztpraxen spiegeln die Situation: Auch beim Arzt möchten die Wohlhabenden nicht mit den Minderbemittelten in einem Raum zusammen sitzen. Diese „Reichen“ werden in Zukunft das staatliche Sozialsystem überhaupt nicht mehr brauchen. Sie haben ihr eigenes, zu dem Menschen mit geringem Einkommen keinen Zutritt haben. Aus der öffentlichen Solidargemeinschaft ziehen sie sich immer mehr zurück. Hinzu kommt, dass diese sehr wohlhabende Klasse an Nationalgesellschaften nicht mehr gebunden ist. Ihr Kapital können sie international transferieren, die Wohnorte werden beliebig. Das was vor Ort national politisch passiert, ist weitgehend uninteressant, solange die eigenen Interessen nicht berührt werden.

Soziales Engagement wird begrenzt auf ein willkürliches Social-Sponsoring nach Gutsherrenart: Arme und Minderbemittelte sollen froh sein, wenn sie ein paar Brocken vom wohlbestückten Gabentisch der Reichen abbekommen: Lebensmittel von öffentlichen Tafeln, Kleiderkammer, Möbellager, Second Hand, das muss reichen. Erwerbseinkommen nur noch aus geringfügigen Beschäftigungen, Leiharbeit, befristete Erwerbsarbeit ohne Lebensplanungsperspektive, Jobs mit reduziertem Gesundheitsschutz, schlecht bezahlt oder abgedrängt in Scheinselbstständigkeit mit vollständiger Individualisierung der sozialen Absicherung, schick tituliert mit Begriffen wie „Freiberufler“ und „Ich AG“; permanent durch Erwerbslosigkeit und absoluter Armut bedroht.

Das öffentliche Sozialsystem, die staatlichen Transferleistungen, werden zukünftig überwiegend von den Menschen getragen werden müssen, die ohnehin nur über wenig Einkommen verfügen. Die Folge: Diese Transferleistungen werden immer weniger werden, auf den Grad einer minimalen Existenzsicherung reduziert. Das Beispiel des Wandels der alten deutschen „Sozialhilfe“, der öffentlichen „Hilfe zum Lebensunterhalt“ zur jetzigen „Existenzsicherung“ macht dies deutlich. Die „Hilfe zum Lebensunterhalt“ nach dem früheren BSHG war wenig Geld, orientierte sich aber immer noch weitgehend an der allgemeinen Entwicklung des gesellschaftlichen Lebensstandards und der jeweils individuellen Bedürfnislage, und sie war ein Anrecht in einer sozialer Notlage , ein Recht, das Niemanden entzogen werden konnte. Die neue „Existenzsicherung“ nach dem deutschen SGB garantiert gerade eben noch ein Dach über dem Kopf, aber nicht mehr die volle Finanzierung des Lebens, sie kann im Einzelfall – per einfachen Verwaltungsentscheid – auch ganz wegfallen. Die Ertrinkenden werden gerade eben mit dem Kopf über dem Wasser gehalten. Staatliche Transferleistungen entwickeln sich von einer solidarisch getragenen Versicherung des Lebens zu einer Armenfürsorge auf Billigniveau. Parallel dazu nehmen die Millionenvermögen in einer dünnen sozialen Oberschicht immer mehr zu. Noch nie gab es so viele Millionäre in Deutschland, aber das Kapital bleibt unter sich. Es kreist um die Welt, weitgehend ohne jede wertschöpfende Re-Investition, aus Geld wird noch mehr Geld, weiter nichts. Noch nie war das aktuell erwirtschaftete Bruttosozialprodukt so hoch, noch nie sprudelten so viele Steuergelder in die öffentlichen Kassen. Trotzdem hören wir ununterbrochen von einer Krise im öffentlichen Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen. Hier sind die Kassen leer. Schwer verständlich deshalb für viele Bürgerinnen und Bürger, das für die Integration von Zuwanderern in kürzester Zeit mehr als 7 Milliarden Euro aus Steuergeldern von der deutschen Bundesregierung bewilligt wurden. Interessenskonflikte innerhalb der Bevölkerung werden so vorprogrammiert, zulasten der zugewanderten Menschen.

Sozialer Aufstieg durch Bildung oder erhöhtem Arbeitseinsatz, für Menschen aus unteren sozialen Schichten: Aussichtslos! Bildungsexpertisen und Armutsberichte, alle paar Jahre neu aufgelegt, berichten immer wieder über diesen Skandal. Politisch ändert sich nichts. Westeuropäische Gesellschaften – ganz besonders in Deutschland – entwickeln sich zu klassen- und gruppenspezifisch separierten Sozialsystemen. Auftretende Konflikte werden weitgehend in Schach gehalten, durch eine subtile Entpolitisierung des sozialen Lebens. Das leitende Motto, alt bekannt: „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „Wer will, der kann“ und Menschen die aus der existenziellen Abhängigkeit und schlechten Lebenssituation nicht raus kommen, sind irgendwie selbst schuld, mit denen stimmt irgendetwas nicht. Sie werden zu Objekten sozialarbeiterischer Betreuung degradiert, krank, ein Belastungspotential, das vor allem administrativ bearbeitet werden muss. Strukturelle Ursachen von individuellen Lebenslagen werden geleugnet, allenfalls am Rande mal mitleidig diskutiert, als ob es sich hier um Naturgesetzmäßigkeiten handeln würde (Arm und Reich hat es immer gegeben). Schnell werden dann auch Vergleiche zu Gesellschaften in Entwicklungsländern gezogen: Berechtigte Kritik und das Einfordern von Leistungen für mehr Lebenssicherheit werden als „Jammern auf hohem Niveau“ bezeichnet. In anderen Ländern ginge es den Menschen noch schlechter. Kritiker sollten froh sein, das sie überhaupt etwas bekommen. Geringverdiener, Harz IV-Empfänger, zahlreiche Rentner mit einem Einkommen weit unter 1000 Euro im Monat, Familien, die verzweifelt nach einer passenden Wohnung suchen, Jugendliche aus Migranten-Familien, ohne Ausbildungsstelle, weil sie nicht deutsch genug sind; sie Alle, die mit ihren Bedürfnissen in die Öffentlichkeit treten, werden beleidigt und als Schmarotzer und Sozialparasiten mit überhöhten Ansprüchen stigmatisiert (siehe die Sarazzin-Thesen, das Buch war und ist in Deutschland ein Bestseller, trotz heftiger Kritik).

Die Gesellschaft spaltet sich in Gruppen, wo die einen alles besitzen und der Rest um die verbleibenden Ressourcen kämpft. Ganz aktuell sichtbar bei einem Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil mit hohem Migrantenanteil, Erwerbslosen und Geringverdienern. Vor dem Eintreffen der Kanzlerin wurden schnell noch die Müllberge aus den Straßen entfernt. Eifrige Streetworker sorgten dafür, dass martialisch aussehende junge Männer mit dunkler Hautfarbe weitgehend unsichtbar blieben. Marxloh, ein Stadtteil, der im Polizeijargon mittlerweile als No-Go-Area, als rechtsfreier Raum bezeichnet wird: Hohe Kriminalitätsrate, Dreck, Verwahrlosung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Viele Menschen sind noch nicht einmal krankenversichert. In manchen Wohnungen leben bis zu 20 Kriegs- und Armutsflüchtlinge zusammengepfercht in einem Zimmer. Türkisch stämmige Menschen bilden eine Mehrheit unter den Bewohnern mit nicht-deutscher Herkunft. Diese soziale Kategorie schottet sich ab: Zuzug von Zuwanderern aus anderen Ländern ist unerwünscht. Ghetto und Subghetto bilden eine Hierarchie. Hier lebt der soziale Bodensatz der deutschen Gesellschaft, der schon lange nicht mehr – oder besser noch nie – beim Tanz um das goldene Kalb mitmachen konnte. Die staatliche Autorität ist hier machtlos, die Polizei hat wenig zu sagen. Stattdessen wir das Gemeinwesen von mafiös organisierten Familienclans terrorisiert. Das ist deutsche Realität, so sieht es in immer mehr deutschen Großstädten aus. Die gesellschaftliche Integration ist gescheitert und davon werden ganz massiv auch Zuwanderer aus anderen Ländern betroffen sein!

Die Hoffnung auf ein besseres Leben, wird sich für sehr viele Zuwanderer nicht erfüllen. Und kann wenigstens die Hoffnung auf ein Minimum an gesellschaftlicher Teilhabe real werden? Nein, das was auf diese Menschen wartet, ist das soziale Ghetto. Folgen wir den Angaben von Fachleuten zu diesem Thema, dann verfügen ein Drittel der Zuwanderer über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sogar 70% der Zuwanderer, aus einigen außereuropäischen Ländern, verfügen über keine beruflich, wirtschaftlich verwertbare Qualifikation. Die Soziologin Cornelia Kopetsch warnt in einem Interview:  In Deutschland (…) „leben etwa 25 Prozent in gefährdeten Lagen, zehn Prozent in verfestigter Armut. Das ist eine Menge. Da kann man sich schon fragen: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn vielen ihrer Mitglieder eine Existenz im Rahmen der herrschenden Ordnung verwehrt wird? „

Viele Zuwanderer in Deutschland werden die Reservearmee von Billigarbeitern weiter aufstocken. In der Dortmunder Nordstadt zeichnet sich diese Zukunft schon ab: Der „Arbeiterstrich“ an der Bornstraße. Dort stehen ab 4 Uhr morgens vornehmlich Männer aus den Balkanstaaten und bieten ihre Arbeitskraft für 3-4 Euro in der Stunde an. Untergebracht sind diese Männer in Mietswohnungen, wo jedes Zimmer mit mehreren Matratzen ausgelegt ist. Für eine Matratze wird bis zu 400 Euro Miete verlangt. Mit der Armut der Menschen werden Geschäfte gemacht! Ein Interesse an Besserstellung, ist hier fehl am Platz. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, das aus Kreisen der Wirtschaft (z.B. Vorstand der Deutschen Bank) Forderungen nach mehr Zuwanderung aus anderen Ländern laut werden. In diesem Kontext wird die Behauptung, wir bräuchten in Deutschland unbedingt Zuwanderung von Arbeitnehmern, weil der demografische Wandel die Renten gefährdet zur Farce.

Interessant: Schon jetzt fordert zum Beispiel der Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrates Michael Bahlsen eine Mindestlohn-Ausnahme (also unter 8,50 Euro pro Stunde) für Flüchtlinge und Hans Werner Sinn, Präsident des einflussreichen Wirtschaftsforschungsinstitutes „ifo“, möchte diese Mindestlohnuntergrenze zur Disposition stellen: Da Flüchtlinge einen geringen Beitrag zur Produktivität leisten würden, müsste der Mindestlohn nach unten angepasst werden. Und auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zeigt sich bereits besorgt: DGB-Chef Rainer Hofmann warnt Arbeitgeber davor Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen. Dennoch ist auch der DGB bereit Kompromisse bei der Integration von zugewanderten Menschen einzugehen: Der Zugang zur „Leiharbeit“ soll für Flüchtlinge erleichtert werden. Von zukunftssicheren, qualifizierten Arbeitsplätzen und klar voraussehbaren, dem deutschen Lebensstandard angepassten Entlohnungsstrukturen, ist erst einmal nicht die Rede.

Immer wieder hören wir das Deutschland einen Fachkräftemangel hat. Und gerade deshalb sei Zuwanderung aus dem Ausland notwendig. Tatsächlich ist die These vom Fachkräftemangel eine geschickt lancierte Lüge von Arbeitgebern und Unternehmenslobbyisten. Auch hier geht es in erster Linie darum, Billigarbeitskräfte zu rekrutieren, die zudem noch die Löhne auf dem deutschen Arbeitsmarkt drücken können. Also ausländische Arbeitnehmer als Konkurrenz für deutsche Arbeitnehmer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Öffnung des inländischen Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitnehmern soll die Menge an Bewerbern erhöhen, um hier die besten und billigsten herausfiltern zu können. Ingenieure aus dem Ausland dürfen in Deutschland zum Beispiel bei Neueinstellung für ca. 30.000 Euro weniger Jahresgehalt beschäftigt werden, als ein vergleichbar qualifizierter deutscher Bewerber. Das ist keineswegs illegal, dafür wurden extra Gesetze geschaffen (siehe hierzu die ARD Dokumentation zu diesem Thema: Das Märchen vom Fachkräftemangel). Die sogenannte „Blue-Card“, die blaue Karte der EU für erleichterte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für hochqualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten dient einem vergleichbaren Zweck. Mit Hochqualifizierung ist hier keineswegs nur die reine Fachlichkeit gemeint. Gewünscht sind „europäisierte“ Arbeitnehmer aus dem asiatischen Bereich, preiswert, assimilationsbereit und problemlos in der Einarbeitung. Diese Arbeitnehmer werden gezielt angeworben. Und sie sollen vor allem den Habitus und die Wertvorstellungen der Oberschicht teilen. Soziologisch wird dieser zusätzliche Qualifikationsanspruch mit dem Begriff „Kooptionalität“ erfasst. Die „Elite“ der Gesellschaft rekrutiert sich heute international. Sozialaufsteiger aus dem internationalen Prekariat sind nicht gefragt. Flüchtlinge aus Syrien, Libanon, Eritrea oder Somalia werden da nur wenig vergleichbare Chancen haben.  Der Grund warum manche offene Stellen für Fachkräfte nicht besetzt werden können, ist unter anderem nicht die mangelnde formale Qualifikation der Bewerber, sondern die Kooptionalität, die spezielle Erwartungshaltung der Arbeitgeber in Bezug auf Habitus, Werthaltung, Erscheinungsbild und potentieller Loyalität. Gesucht werden Menschen, die der eigenen Mitgliedsgruppe ähnlich sind oder die möglichst schnell ähnlich werden bzw. wo es ausreichend Anhaltspunkte gibt, das im Laufe der Zeit eine Ähnlichkeit zu erwarten ist. Es ist die „secret qualification“, die nicht ausgesprochen wird. Aus diesem Grund wird von Unternehmerseite mehr Zuwanderung gefordert, der optionale Pool an Bewerbern soll vergrößert werden. 

Zuwanderer werden Chancen in der deutschen Gesellschaft bekommen, wenn sie sich assimilieren, also ihre Herkunft fast unkenntlich wird. In Deutschland wird unter Integration vorrangig Assimilation verstanden, leider ist das so. Auf die deutsche Integrationsproblematik wurde auch ausführlich, im Rahmen eines Symposiums der SPD zur Integrationspolitik eingegangen. Die Migrationsforscherin Ursula Boos-Nünning  betonte in ihrem Vortrag eine ganz spezielle Absurdität in der deutschen Gesellschaft: Permanente Zuwanderung wird eingefordert, um den angeblichen Fachkräftebedarf zu decken, jedoch wird auf der anderen Seite nichts bzw. sehr wenig dafür getan die berufliche Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration von Migranten, die bereits seit langem in Deutschland leben zu fördern. Die referierende Wissenschaftlerin schilderte unter anderem das Beispiel eines Pizzafahrers, der eigentlich Diplom-Biologe ist. Selbst bei hoher beruflicher Qualifikation ist die deutsche Gesellschaft nicht bereit, Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund eine wirkliche Aufstiegschance zu ermöglichen. Das wird nur wenigen Zuwanderern gelingen.

Arbeitnehmer, die über die „Blue-Card“ nach Deutschland kommen, sind in der Regel in ihrem Heimatland nie arbeitslos gewesen, sie kommen in der Hoffnung, hier einen besseren Verdienst zu erhalten. Die deutsche Wirtschaft saugt so auch andere Systeme aus. Die Ideologie, mit der Öffnung des Arbeitsmarktes würde erwerbslosen Ausländern auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine reale Chance gegeben, kann damit auch zu dem Akten gelegt werden. Dass die deutsche Blue-Card von internationalen Jobwechslern kaum in Anspruch genommen wird, zeigt wie hoch die Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind, selbst für qualifizierte Arbeitnehmer.

Wie soll also vor diesem Hintergrund die Zukunft von Zuwanderern in Deutschland aussehen? Darauf muss die Politik eine Antwort geben. Das wäre verantwortliche Gesellschafts- und Sozialpolitik! Deutschland hat hier einen hohen Gestaltungsbedarf!

Erinnerung an OFRA HAZA: „Im Nin`Alu“, Alles ist möglich…mit Gottes Hilfe. Die Türen des Himmels werden niemals verschlossen sein

ofra haza

Es war eine der größten Beerdigungen die in Israel je stattgefunden hat, im Februar 2000. Hunderte von Menschen strömten zum Hauptfriedhof von Tel Aviv. Unter den trauernden und anteilnehmenden Menschen auch einige prominente israelische Politiker, Künstler und Kulturschaffende. Sie alle wollten der Sängerin Ofra Haza – der „Stimme des Himmels“ – die letzte Ehre erweisen. Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak sprach in seiner Grabrede von der Ehre sie kennengelernt zu haben, eine der größten Töchter des Landes. Die Trauer war groß! Vierzehn Tage zuvor wurde Ofra Haza als Notfall im Tel-Hashomer-Hospital aufgenommen. Seit dem nahm die israelische Öffentlichkeit Anteil an ihren Leiden. Täglich kommentierten Fernsehen und Zeitung den dramatischen Krankheitsverlauf und die Behandlungsversuche der Ärzte. Die offenbar plötzlich aufgetretene schwere Erkrankung der Sängerin schockierte die Menschen in Israel. Ofra Haza war für die Menschen in Israel mehr als eine sehr populäre Sängerin, sie war – und ist immer noch – ein Nationalsymbol.

Ehud Barak formulierte es so: „Ofra kam aus dem Slum und erreichte die Spitze der israelischen Kultur. Sie stand für alles, was gut und nobel in der israelischen Gesellschaft ist. Wir haben ihr sehr viel zu verdanken.“

Ofra Haza wurde als siebtes Kind einer jemenitisch-jüdischen Familie geboren. Jemenitische Juden sind arabisch stämmige Juden, die in Israel eingewandert sind. Diese arabischen Wurzeln ermöglichen in der israelischen Gesellschaft nur schwer einen sozialen Aufstieg. Jemenitische Juden, leben in Israel meist sozial randständig. Die Familie von Ofra Haza war sehr arm. Ein unbedingtes Gottvertrauen, war in ihrer Familie eine wichtige stabilisierende Kraft.

 „Ich wurde unter Armen reich. Weil ich bei meinen Eltern gelernt habe, mit dem Herzen glücklich zu sein.“ Das Gebet – jeden Morgen und jeden Abend – gehörte zu ihrem Leben. Bei vielen Tätigkeiten im Alltag konnte sie Gott in Gedanken mit ein binden, sogar beim Zähneputzen, wie sie einmal in einem Interview erzählte. „Gott wacht über mein Leben“, sagte sie.

Die soziale Herkunft sensibilisierte Ofra Haza schon sehr früh für Ungerechtigkeiten und politische Missstände.

„Als ich zwölf war, ging ich an ein Theater. Es war ein Workshop-Theater, ein Protest-Theater. Wir haben dort über die Probleme gesprochen, die wir in der Nachbarschaft hatten. Und wir hatten jede Menge Probleme. An unseren Schulen gab es keine guten Lehrer und die ganze Gegend wurde vernachlässigt. Wir wollten etwas tun, aber keine Demonstrationen auf der Straße, sondern es auf kulturelle Weise machen.“

Das politische Engagement für ihr Land blieb ein fester Bestandteil ihres Lebens. In späteren Jahren nutzte sie immer wieder ihre große Popularität, um für eine friedvolle gesellschaftliche Integration in diesem konfliktbelasteten Land zu werben. Dabei stellte sie ihre arabisch-jemenitische Herkunft bewusst heraus. Und sie versuchte deutlich zu machen, dass gerade die jüdische Religion eine bindende und verpflichtende Kraft in diesem Land sein kann. Ofra Haza vertrat nicht in erster Linie die Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt mit den Palästinensern. Ihr Einsatz galt stets einem friedlichen gesellschaftlichen Miteinander von Israeliten unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion. Das Beharren auf fundamentalistischen Ansichten, sowohl politisch wie auch religiös, sah sie als den Grund der zentralen politischen Konflikte in Israel. Fundamentalismus jeglicher Art, lehnte sie strikt ab. Nicht bei allen Israelis konnte sie damit Sympathien gewinnen.

 „Ich bin in Oslo aufgetreten, als Arafat, Perez und Rabin den Friedensnobelpreis erhielten. Ich war so glücklich. Ich sah in der Tür den Frieden, sah bereits sein Licht. Jeder war glücklich. Aber solange es auf beiden Seiten Fanatiker gibt, gibt es keinen Frieden. Diese Leute verkehren die Situation in Israel ins Schlechte.“

 „Ich habe mich an meine palästinensischen Nachbarn gewandt und gesagt: Bitte, lebt mit uns zusammen! Lasst unsere beiden Völker Frieden schließen und glücklich zusammen leben.“

Es war auch nicht zufällig, das im Jahr 2002 bei einer großen Erinnerungsparty an Ofra Haza – über 4000 Tausend, vor allem junge Menschen, sangen in der Kulturhalle von Tel Aviv ihre Lieder – auch der damalige israelische Außenminister und spätere israelische Staatspräsident Simon Peres anwesend war. Peres – von Bodyguards umringt – wurde dort jubelnd von der Menge empfangen.

Ofra Haza wurde am Theater als Sängerin entdeckt. Sie begann ihre Karriere mit folkloristischen und religiösen Liedern. Mit ihrer wunderbaren Stimme begeisterte sie viele Menschen. Schnell wurde sie in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu eine der populärsten Sängerinnen in Israel. In Israel war sie längst ein Star, als Anfang der achtziger Jahre ihre internationale Karriere begann. Mit dem Lied „Im Nin`Alu“ – einem gesungenen religiösen Gedicht eines jemenitischen Rabbiners aus dem 17. Jahrhundert – hatte sie weltweit großen Erfolg. Das Lied hatte sie bereits als kleines Kind von ihrer Mutter gelernt. In diesem Lied heißt es:  „Selbst wenn die Türen der Freigiebigen verschlossen sind, werden die Türen des Himmels niemals verschlossen sein.“

 „Das Lied hat mein Leben bestimmt. Wir haben uns damit Mut zu gesungen“, sagte Ofra Haza in einem Interview.

Die große Hoffnung von Ofra Haza, eine Botschaft, ein Vermächtnis, das bis heute seine Gültigkeit für uns alle nicht verloren hat:

„Ich hoffe, eines Tages wird sich alles zum Guten wenden, denn ich bin sehr optimistisch und bete dafür, dass jeder Mensch am Morgen aufstehen wird und den Zauber des Lichts Gottes erlebt. Lasst uns Frieden schließen! Lasst uns gemeinsam das Leben genießen. Das ist mein Traum!“

http://www.myvideo.de/watch/810981/Ofra_Haza_Im_Nin_Alu

Rhabarberkuchen mit Butterstreusel

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Rührteig

125 g Mehl, 125 g Zucker (eventuell nur 100g), 1 Pck. Vanillezucker, 125 g Butter,

2 Eier

1 Tl Backpulver, etwas geriebene Zitronenschale, 1 Prise Salz

Weiche Butter, Zucker, Eier, Vanillezucker, Prise Salz mit dem Handmixer gut verrühren bis eine glatte schaumige Masse entsteht, dann das Mehl nach und nach zugeben.

Streusel

150 g Mehl, 100 g Zucker, 2 gehäufte TL Vanillezucker, 100 g weiche Butter.

Meine Erfahrung ist, dass Kuchen generell besser schmeckt, wenn ich weniger Zucker verwende. Also eventuell nur 100 g Zucker in den Rührteig. Das ist aber Geschmackssache. Vielleicht lieber bei den Streuseln etwas Zucker zugeben, wenn der Belag kräftig sauer ist. Mir persönlich reichen die 100 g Zucker. Statt künstliches Zitronenaroma, lieber die abgeriebene Schale einer halben Zitrone. Vorsichtig nur das Gelbe der Schale abreiben, das Weiße darunter kann einen leicht bitteren Geschmack hervorrufen. Das Zitronenaroma darf nicht zu dominant werden.

Den Streuselteig mit der Hand durchkneten. Der Streuselteig schmeckt auch gut mit einer Messerspitze Zimt, dann aber den Vanillezucker weglassen. Mit Aromen sollte man generell vorsichtig umgehen. Ein Zuviel kann alles verderben.

Den Teig in eine Springform geben (24 cm). Auf den Rührteig ca. 8oo g kleingeschnittenen Rhabarber geben. Der Rhabarber muss vorher nicht unbedingt abgezogen werden. Die Rhabarberstücke ruhig etwas in den Teig hineindrücken.

Den Kuchen im vorgeheizten Backofen auf der mittleren Schiene bei 180 Grad backen, Backzeit 50 Minuten.

Das Rezept kann natürlich auch mit jeder anderen Art von säuerlichem Obst verwendet werden: Pflaumen, Schattenmorellen, Äpfel. Soll der Kuchen auf einem Backblech zubereitet werden, muss die Menge der Zutaten verdoppelt werden.

Sehnsucht nach Mehr – Die Fünfzig Schatten von Grau

Hat populäre Kultur etwas mit Religion zu tun? Die Frage kann ich eindeutig mit einem ja beantworten. Inge Kirsner hat in einem Artikel im Online-Magazin für Theologie und Ästhetik darauf hingewiesen. Ihre Anregung möchte ich hier aufnehmen.

Viele populäre Produkte der Medienindustrie sind ein zeitgemäßer Ausdruck seelischer Bedürfnisse und sozialer Problemlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen: Gewalt, Liebe, Sexualität. Insbesondere Musik und Film sind hier ein Spiegel der Gegenwart, ein Kommentar zur Welt, so wie es Religion und Theologie auch sein wollen. Es wird eine Antwort auf die Frage gesucht, wie Menschen heute leben können? Die Beantwortung dieser Frage ist gegenwärtig nicht mehr so einfach und eindeutig wie in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die Festlegung auf klare Schichten, Klassen, Gruppen oder Institutionsspezifische Lebensformen befindet sich seit langem schon im Aufbruch. Neuorientierungen sind hier nicht nur gefragt, sondern werden erstmals, in einem historisch bisher unbekanntem Ausmaß ermöglicht.

Menschen befinden sich auf dem Weg zur Neukonstruktion von Wirklichkeiten. Die Realität von Wirklichkeit kann heute nur im Plural als die Realität von möglichen „Wirklichkeiten“ verstanden werden. Visuelle, bildgebende Medien spielen in diesem psychosozialen Prozess eine sehr große Rolle. Sie thematisieren mögliche Lebensformen, geben Fantasien einen konkreten Ausdruck und geben Orientierung für eine eigene sinnhafte und erfülltere Lebenspraxis. Die Umsetzung in einem konkreten realen Leben bleibt dabei offen und variabel, ein Angebot von Möglichkeiten, das in ganz unterschiedlichen sozialen Lebenslagen, ganz individuell gebraucht werden kann: Ein Bausatz für die Selbstinszenierung des Lebens. Dahinter steht auch die ewige Sehnsucht nach einem Mehr, nicht immer klar formulierbar, aber in jedem Menschen dauerhaft präsent. Ein Streben, das über ein Hier und Jetzt hinausgeht, also einen transzendentalen Charakter besitzt. Der Philosoph John O` Donohue sieht im Wesen der Sehnsucht eine zentrale treibende Kraft im menschlichen Leben. Die Sehnsucht zieht den Menschen vom Jetzt der Gegenwart in die Möglichkeit eines zukünftigen Seins.

Mit Sicherheit das große populäre Ereignis in diesem Jahr 2015! Der Spielfilm „Fifty Shades of Grey“. Der Film sorgte für Rekorde an der Kinokasse – trotz Kritik von manchen Hardecore-Fans der Romantrilogie, die als Vorlage für den Film diente.

Was mag so viele Menschen – in der Mehrheit Frauen – an „Fifty Shades of Grey“ so faszinieren? Die Romane wurden und werden weltweit, millionenfach gelesen, der Film ein großer Erfolg (480 Mill. Dollar Einspielergebnis), das Merchandising im medialen Umfeld lässt die Kassen klingeln. Professionelle Fotografen bieten für Paare Fotoshootings an, mit nachgestellten Szenen aus dem Film. Wahrscheinlich ist es der Traum von einer Kombination aus Liebe, Begehren, totaler Hingabe und Sex, Beziehung, berechenbar auf Vertragsbasis….BDSM, herausgeholt aus einem anrüchigen Schmuddel-Rotlicht Milieu und geheimnisvoll in einem luxuriös, elegant-romantischen Samt-Und-Seide-Milieu angesiedelt; ästhetisch, sauber, mit einem Hauch von Chanel Nr. 5; der „Langeweile“ dem alltäglichen Trott im Alltag entgegengesetzt, akzeptable glamouröse Spannung und Abenteuer, für Jeden/Jede zu haben. Nicht zuletzt, ein wenig das Märchen von Aschenpudel und dem Prinzen. Die ewige Sehnsucht nach Mehr…nach Endgültigkeit der Suche, ein Angekommen-Sein…Frieden!

„Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir“, formulierte der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo im Jahr 397 und weiter…

„Du hast gerufen, geschrien, hast meine Taubheit aufgebrochen. Du hast geleuchtet wie ein Blitz über mir und hast meine Blindheit verjagt. Du hast Deinen Wohlgeruch ausgeströmt, ich habe ihn eingeatmet und wittere Dich. Geschmack habe ich an Dir gewonnen. Jetzt hungere und dürste ich. Du hast mich berührt und ich brenne vor Sehnsucht nach Deinem Frieden“

……und Ellie Goulding singt im Jahr 2015:

Du bist das Licht, du bist die Nacht Du bist die Farbe meines Blutes Du bist die Heilung, du bist der Schmerz Du bist das Einzige, das ich berühren möchte Ich hätte nie gedacht, dass es so viel bedeuten kann, so viel

Also lieb mich so wie du es tust, lieb mich wie du es tust Lieb mich so wie du es tust, lieb mich wie du es tust Berühr mich so wie du es tust, berühr mich wie du es tust Worauf wartest du?

Das Video mit dem Lied von Ellie Goulding aus dem Soundtrack von „Fifty shades of Grey“ – „Love Me Like You Do“ – wurde auf YouTube bisher über 11. 000 000 Millionen Mal angeschaut…Ende offen!