Kulturgeschichte populäre Musik: „Feeling Good“, Classic-Pop, Traditional Pop

„Feeling Good“ ist ein herausragender Song des Classic- bzw. Traditional-Pop aus dem Jahr 1964, komponiert von Anthony Newley und Leslie Bricusse. Ursprünglich Bestandteil eines Musicals, avancierte der Song in späteren Jahren zu einer beliebten Solonummer.

Sehr viele Sängerinnen und Sänger haben den Song gecovert. Es ist ein typischer Song im Stil des Classic-Pop, der nicht einfach nur gut gesungen, sondern vor allem gut interpretierte werden muss, dann leben solche Songs immer wieder neu auf. Erst durch das ganzheitliche Erfassen von Text und Musik, in Verbindung mit dem eigenen individuellen Erleben des Interpreten, wird der Song zu einem musikalischen Ereignis.

Typisch für Classic-Pop sind üppige Streichersets im musikalischen Arrangement und großes Orchester mit viel Blasinstrumenten. Die Musik ist vom Swing und Jazz inspiriert, legt den Schwerpunkt aber auf Melodie und Harmonie. Bei Live-Darbietungen wird den Sängern und Sängerinnen einiges abverlangt, da sie in der Regel mit großem Orchester und kräftigem Sound im Hintergrund singen müssen. Gerade deshalb sind diese Art Songs bei den Interpreten sehr beliebt, weil sie das persönliche Können hervorheben. Sehr viele Sängerinnen und Sänger der populären Musik sind besonders durch Songs aus dem Classic- bzw. Traditional-Pop bekannt geworden.

Wie unterschiedlich ein Song interpretiert werden kann, ohne den eigentlichen Charakter des Songs zu verfremden, zeigen die drei folgenden Beispiele. Das Thema von „Feeling Good“ ist der Neuanfang, der neue Start ins Leben und ein Gefühl der Freiheit. Es beginnt leicht mit kleinen, leisen Anzeichen und verfestigt sich mit einer fortlaufenden intensiven Erfahrung. Die Musik versinnbildlicht diesen Prozess mit leisen, flirrenden Klängen zu Beginn, mit Steigerung zu einem wahren Crescendo, dass einem Gefühlsausbruch gleichkommt. Die Dynamik der Musik soll die existentielle Veränderung im Bewusstsein des Menschen betonen. Das Klangarrangement ist ein Rinforzando: Ein Beginn mit leicht anschwellender Betonung, die zunehmend stärker wird., kombiniert mit plötzlicher Betonung, einem Sforzato. Von der Sängerin bzw. dem Sänger wird erwartet, dass dieser Drive des Songs stimmlich umgesetzt und möglichst in Verbindung mit einer authentischen Auseinandersetzung mit dem Thema des Songs vermittelt wird. Der Song muss zu einem eigenen Song gemacht werden, ein bloßes gutes nachsingen wird dem künstlerisch nicht gerecht.

Liedtext „Feeling Good“

Die Vögel fliegen hoch, du weißt, wie ich mich fühle
Die Sonne am Himmel, du weißt, wie ich mich fühle
Ein leichter Wind zieht vorüber, du weißt, wie ich mich fühle

Es ist eine neue Dämmerung
Es ist ein neuer Tag
Es ist ein neues Leben
für mich
und ich fühle mich gut

Die Fische im Meer, du weißt, wie ich mich fühle
Der Fluss rinnt frei, du weißt, wie ich mich fühle
Die Blüte am Baum, du weißt, wie ich mich fühle

Es ist eine neue Dämmerung
Es ist ein neuer Tag
Es ist ein neues Leben
für mich
und ich fühle mich gut

Die Libelle in der Sonne, du weißt was ich meine, oder?
Die Schmetterlinge haben Spaß, du weißt was ich meine
Schlaf in Frieden, wenn der Tag vorbei ist
Das ist es, was ich meine
Und diese alte Welt ist eine neue Welt
und eine mutige Welt
für mich

Sterne, wenn ihr scheint, ihr wisst, wie ich mich fühle
Der Duft der Kiefer, du weißt, wie ich mich fühle
Oh, Freiheit ist Mein
und ich weiß, wie ich mich fühle

Die erste Soloversion des Songs stammt von NINA SIMONE aus dem Jahr 1965. Beim genauen hinhören entdeckt man Gospel/Blues-Elemente und sie bringt im Gesang Aspekte afro-amerikanischer Traditionals mit ein, so wie sie vielleicht auch von den Sklaven auf den Baumwollfeldern gesungen wurden. „Feeling Good“ wird bei ihr zu einer Befreiungshymne, ein Song, der auf Veränderung im Leben drängt. Hier heißt es: Ich fühle mich gut, weil ich weiß, dass eine neue Zeit kommen wird, ich bin frei. „Feeling Good“ von NINA SIMONE kommt auf dem Höhepunkt der rassistischen Auseinandersetzungen in den USA auf den Markt.

Die „Feeling Good“-Version von GEORG MICHAEL aus den 90er Jahren ist die selbstbewusst, elegant glamouröse Präsentation einer bereits gemachten Erfahrung. Ein Statement, ein Bekenntnis! Zu Beginn des Songs erkennt man, dass er sich an der Interpretation von Nina Simone orientiert, dann aber dem Song eine eigene Farbe gibt. Er möchte mit Begeisterung das Publikum an diesem persönlichen Erlebnis seiner Emanzipation aus gesellschaftlichen Zwängen teilhaben lassen. Etwas ganz Neues soll seinen Anfang nehmen. Unterstützt wird er dabei von der international bekannten Burlesque-Tänzerin DITA VON TEESE. Diese spezielle, sehr unterhaltsame Kombination darf man bei dieser Song-Interpretation nicht außer Acht lassen. Für GEORG MICHAEL war es offenbar so wichtig, dass außer im Originalvideo, die Darbietung von DITA VON TEESE auch im Hintergrund bei seinen Liveauftritten zu sehen war. Die Verbindung von Freiheit und Erotik sind hier die zentralen Elemente der Performance. Nicht zufällig hören wir zur Einleitung des Videos einen Kommentar von dem Modedesigner Jean Paul Gaultier, der vor allem für seine provokant unkonventionelle Mode bekannt wurde.

Der Kanadier MICHAEL BUBLE ist ein fantastischer Sänger und Interpret, dem gerade diese Art Musik besonders liegt. Seine Spezialität ist das „Great American Songbook“, zu dem sehr viele Songs des Classic- und Traditional-Pop gehören. Er präsentiert in seiner Feeling Good“-Version die überraschend, erstaunliche Augenblickserfahrung einer möglichen Lebensveränderung. Die musikalische Orchestrierung greift diesen Moment sehr gut auf. Er will diesen Moment, diesen Augenblick festhalten und mit aller Kraft für die Zukunft retten. Eine Erfahrung, die noch wachsen soll und deshalb, wie eine kleine Pflanze behütet werden muss. Das ist der Ausklang!

Rolf-Michael Hilkenbach / Oktober 2021

Meine subjektive Anmerkung zur Bundestagswahl

In Deutschland trägt das Demokratieverständnis feudalistische Züge. Man liebt den Beamtenadel, auf Lebenszeit in politische Ämter gewählte Personen. Personen, deren Sein vor allem durch ausdauerndes Aussitzen gekennzeichnet ist.  Auch wenn die lebenslange Wahl rechtlich nicht möglich ist, bemüht man sich in jeder Wahlperiode die gleichen Personen immer wieder in bestimmte Ämter zu wählen. Begründet wird das mit Kontinuität, Beständigkeit, Sicherheit. Auch wenn Personen ihre Ämter wechseln, sind es doch immer wieder die gleichen Personen, die zu einer Art Establishment gezählt werden, denen es formal zusteht solche Ämter einzunehmen.  Auf wirkliche Kompetenz für einzelne Ämter kommt es dabei nicht an. Es geht vor allem darum, ein Amt zu verwalten. Als der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier nach seinem Amtsantritt gefragt wurde, was sich nun für ihn ändern würde, gab er zur Antwort: „Ich werde ein paar Reden mehr halten müssen“.

Der Laden soll am Laufen gehalten werden.  Alles andere, ist unbedeutend. Die Mehrheit der Deutschen lieben den Bürovorsteher oder Büroleiter als Kanzler, Minister etc., grau in grau, in der Person nicht zu auffällig oder ungewöhnlich.  Charismatische Personen sind da eher unerwünscht. Bitte keine Personen, die Menschen für eine Idee mit viel Emotionen und persönlicher Präsenz begeistern können. Kurzfristig ist so etwas mal interessant.  So als eine Art politische Performance zur öffentlichen Unterhaltung. Aber dann verschwinden solche Personen schnell wieder in der Versenkung. Kommen solche ungewöhnlichen Ausreißer doch mal in Amt und Würden, werden sie in der Regel mit Häme und Missgunst verfolgt. Ihre sachliche Leistung ist dann vollkommen unbedeutend. Die Kritik und öffentliche Wahrnehmung, reibt sich an auffälligen Äußerlichkeiten. 

Die graue Eminenz wird schnell wieder hervorgeholt. Am liebsten mit mütterlichen oder mit väterlichem Habitus. Die „Mutter der Nation“ oder der „Vater der Nation“. Theodor Heuss, der erste deutsche Bundespräsident nach dem Krieg, ist vor allem auch als „Papa Heuss“ bekannt und die gegenwärtige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird selbst von eigenen Parteigenossen gerne als „Mutti“ betitelt: Die „Mutti-Kanzlerin“ oder „Mutti-Merkel“. Potenzielle Nachfolger (z.B. Armin Laschet) werden als „Enkel“ bezeichnet: Also ein Nachfolger der „Großmutter“ oder gar des „Großvaters“ (Ex-Bundeskanzler) Helmut Kohl.

In der deutschen Öffentlichkeit wird das keineswegs als peinlich empfunden, sondern als ein Ausdruck von Zuverlässigkeit und Souveränität. Die sogenannte konservative „Mitte“ des deutschen Volkes gefällt sich in einer infantilen Betreuungsmentalität. Diese Menschen wollen väterlich oder mütterlich betreut werden. Der Wunsch nach autoritärer Bevormundung zieht sich deshalb immer wieder durch unterschiedliche politische Diskurse. Fürsorglichkeit und Schlichtheit sind deshalb beliebt als staatstragende Attribute für deutsche Politiker. Leidenschaftslosigkeit ist gefragt. Modern, zeitgemäß zukunftsorientiert dürfen diese Personen auf alle Fälle nicht wirken, getreu der Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Stattdessen: Die Wiederholung des immer Gleichen und die Festigung des Bestehenden sind hervorstechende Elemente politischer Konzepte. Kontrovers kritische Diskussionen, sachbetonte inhaltliche Auseinandersetzungen sind bei der konservativen politischen Mitte der deutschen Bevölkerung unbeliebt. Gewählt wird daher gewöhnlich ein Parteienmix, Koalition genannt, wo weltanschauliche Unterschiede möglichst eingeebnet werden. Mehrheitsfähige Parteien entwickeln sich so zu einer fast unterschiedslosen Einheitspartei mit der Folge, das radikale Elemente der Politik-Szene gestärkt werden. Wählerinnen und Wähler sehen dann leider oft nur hier eine Alternative, um ihren Protest gegen einem reformunwilligen biederen, auf reinen Machterhalt ausgerichteten Politikmilieu Ausdruck zu verleihen…oder sie gehen gar nicht mehr wählen. Bei der jungen Generation gehört mittlerweile jeder Dritte zu den Nicht-Wählern. Die Gesichtslosigkeit und wirkliche Unterschiedslosigkeit der großen Parteien machen eine tatsächliche Wahl für sehr viele junge Bürgerinnen und Bürger fast unmöglich.

Man kann nur hoffen, dass es bei der Bundestagswahl 2021 zu einer Politikwende kommen wird. Diese Hoffnung scheint bestärkt zu werden: Der „Enkel“ Armin Laschet, Kanzlerkandidat der CDU/CSU, scheint immer mehr ins Abseits gedrängt zu werden. Bei öffentlichen Auftritten ist ihm die Öffentlichkeit wichtiger als die Nähe zum Volk. Und… er wirkt bei medialem Präsenz stets angespannt fixiert auf seinem Haupt-Konkurrenten Olaf Scholz (SPD), atemlos darum bemüht, diesen Mitbewerber um das Kanzleramt negativ zu diskreditieren. Arnim Laschet fehlt hier die einschläfernde und beruhigende Rhetorik der „Mutti-Kanzlerin“. Das kommt bei der behäbigen konservativen Mitte der Wählerschaft nicht gut an. Olaf Scholz, mit seiner vollkommen emotionslosen monoton ausdruckslosen Art, hat hier bessere Karten in der Hand, wahrscheinlich sogar den entscheidenden Joker. Da die SPD diesmal auf keinen Fall eine große Koalition mit der CDU/CSU eingehen wird, können wir mit einer Links-Koalition von SPD, Grünen und Linken rechnen. Ich würde das begrüßen!

Rolf-Michael Hilkenbach / September 2021

„ABBA“ ist zurück

Es soll die Musiksensation in diesem Jahr sein!

Ihre Songs wurden nicht nur zu Evergreens, sie wurden zu Klassikern der Musikgeschichte: Die schwedische Band ABBA hat nach 40 Jahren wieder zusammengefunden und ein neues Album aufgenommen. Zwei der neuen Songs wurden vorab veröffentlicht. Was soll man dazu sagen? In einem Kommentar las ich: „Ach, es ist genau wie damals! Genau so schön!“

Ich denke, genau das ist das Problem dieses Revivals. Es ist alles wie damals in den 70er Jahren. Nichts Neues! Eine Wiederholung des Gleichen! Gute Populäre Musik lebt jedoch von der Innovation, der Entwicklung, der Veränderung. Das ist hier bewusst nicht gewollt. Diese neuen Songs sind nur sentimentale Erinnerung. Kopien von etwas, das schon mal vor 40 Jahren erfolgreich war. Hier wird noch einmal die, mittlerweile legendäre, Vergangenheit beschworen. Das hätte man sich sparen können.

Es soll auch eine Tournee zu dem neuen Album geben, allerdings ohne die Band. Die Bandmitglieder wurden elektronisch digitalisiert, nur ihre Avatare, mit ewig jugendlichem Aussehen, werden auf der Bühne zu sehen sein. Die Bandmitglieder sind mittlerweile über 70 Jahre alt. Jede Form von Alterung soll offenbar cachiert werden. Eine etwas unheimliche Mumifizierung. Im Video zu „I still have faith in You“, ist am Schluss das Ergebnis dieser Konservierung zu sehen. Also warum macht man das? Im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds, sind sie bereits vorhanden. Also eine zusätzlich Selbst Musealisierung? Benny Anderson meinte, die Fans sollen uns so in Erinnerung behalten, wie wir damals waren: Eine junge, frische Band, die mit ihrer Musik die Herzen von Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreichen konnte. Alles gut, aber dann hätte man es bei dem belassen können, was im Jahr 1981 endete. Im Liedtext von „Don`t schut me down“ heißt es:

Ich werde nicht mehr DIE Gleiche sein. Ich werde nicht mehr DER Gleiche sein.
Ich bin nicht DER Gleiche zu dieser Zeit. Ich bin nicht mehr DIE Gleiche zu dieser Zeit.

Davon ist bei diesen Songs nichts zu spüren.


Mich Reißen diese Songs nicht vom Hocker. Sie sind, wie nicht anders zu erwarten, routiniert komponiert – mit klassischem ABBA-Sound – und die Texte von Benny Anderson und Björn Ulvaeus sind gut. Keine Überraschung!

Rolf-Michael Hilkenbach, August 2021

Zeitzeichen in der populären Musik 2 – The Weeknd „Take my Breath“ – Deadly breathtaking fascination

Und wieder ein potenzieller Sommerhit 2021.

Seit gut einer Woche on Air und online, bei YouTube bereits fast 22 Mill. Aufrufe. Mit „Take My Breath“ hat The Weeknd (Abel Makkonen Tesfaye) seinen vierten internationalen Hit in Folge. Und wie schon in den vorausgegangenen Songs geht es um die destruktiven Momente zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Song erscheint in Vorbereitung eines neuen CD-Albums und orientiert sich musikalisch an einer Neuinterpretation des 80er Jahre Synthie-Pop, eine Spezialität von The Weeknd, für die er in Fachkreisen schon mehrfach ausgiebig gelobt wurde.

Der hämmernde Synthie-Discosound täuscht darüber hinweg, dass in diesem Songtext ein brisantes Thema angesprochen wird. Liebe, Lust, Gefahr und Tod können unmittelbar nebeneinanderstehen. Es gibt Männer und Frauen, die es mögen beim Sex erstickt zu werden oder die ihren Partner würgen möchten. Offenbar gibt es einen speziellen Lustgewinn, wenn Paare sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen. Der Song ist die Beschreibung einer kulturellen Praxis, aber auch Kritik und eine Aufforderung zu mehr Aufmerksamkeit.

In einem übertragenen Sinn geht es auch um eine kommerzialisierte Lebenskultur mit „breathtaking fascination“, die ein unbeschreibliches Lebensfeuer verspricht, letztendlich aber dem Tod huldigt!

In der Geschichte des Songs, bittet eine Frau den Mann bis zum äußersten zu gehen: „Raub mir meinen Atem und lass es für immer sein, Baby tu es jetzt oder nie, Baby (Ah) Raub mir meinen Atem. Niemand macht es besser, Baby, bring mich in die Nähe des Himmels“ Aber der Mann zieht sich, trotz aller Faszination und anfänglicher Zustimmung, zurück: „Ich weiß, dass diese Verführung der verkleidete Teufel ist. Du bist viel zu jung, um dein Leben zu beenden (Heh) Mädchen, ich will nicht derjenige sein, der den Preis bezahlt!“ Zuletzt ist nicht die Frau das Opfer, sondern der Mann. Er verliert sich im Strudel der Gefühle. Eine sehr pessimistische Sicht: Offenbar gibt es kein Entrinnen mehr aus dieser Situation. Mann und Frau sind gefangen in ihren Gefühlen einer allgegenwärtigen Ekstase.

Eine wahre zwischenmenschliche Beziehung wird ersetzt durch ein objekthaftes Gegenübertreten von zwei sich unbekannten Menschen, die sich wechselseitig für eine momentane Bedürfnisbefriedigung benutzen, auf den Moment hin ausgerichtet ohne eine Perspektive, wie immer eine zukünftige Möglichkeit auch aussehen mag. Gesucht wird eine existentielle Erfahrung, im Augenblick, in Dunkelheit, bei Aussparung jeder Alltagsrealität.

Passen hier Musik, Song und Video zusammen? Unbedingt! Die pulsierende Musik, ihre Tanzintensität wirkt schwindelerregend, zieht hinein in eine rauschhafte Athmosphäre. Die Szenerie unterstützt diese Wirkung: Das flackernde Licht, eine – in der Dunkelheit – nur schemenhaft erkennbare Location, einem Bunker gleich. Ein Raum unter der Erde, mit wenig Sauerstoff zum Atmen: Das ist das psycho-physische Erlebnis. Das Disco-Publikum muss deshalb immer wieder zu Sauerstoffmasken greifen. Die Kleidung der Protagonisten – schwarzes Leder – betont die sexuelle Komponente. Nicht zufällig beginnt das Video mit einem Sonnenuntergang. Vertigo bis zur Bewusstlosigkeit: Der Mann bricht zum Schluss des Videos zusammen und lieg am Boden. Die Musik geht vom stereophonem Klangteppich unmittelbar in ein monotones, dumpfes Hämmern über. Kälte breitet sich aus!

Rolf-Michael Hilkenbach / August 2021

Quelle des Beitragsbildes: Universal Music

Tränen statt Triumph. Annika Schleu verliert ihre Goldmedaille beim olympischen Modernen Fünfkampf der Frauen in Tokio 2021

Ein Bild, das die Erinnerung an die Olympischen Sommer Spiele 2021 in Tokio prägen wird. Annika Schleu, die Sportsoldatin der Deutschen Bundeswehr, bei ihrer letzten Teildisziplin im Modernen Fünfkampf der Frauen. Die vier anderen Aufgaben – Pistolenschießen, Degenfechten, Schwimmen und Querfeldeinlauf – hatte sie mit Bravour und großem Erfolg hinter sich gebracht, jetzt stand das Springreiten an. Eine olympische Goldmedaille lag in greifbarer Nähe. Bei der Teildisziplin Springreiten kommt erschwerend hinzu, dass Reiterin und Pferd sich nicht kennen. Mensch und Tier begegnen sich 20 Minuten vor Beginn des Wettkampfs zum ersten Mal. Das gehört zum Regelwerk des modernen Fünfkampfs. So seltsam es klingen mag, das Pferd ist innerhalb dieses Konzeptes zuallererst ein „Sportgerät“. Die Reiterin muss zeigen, dass sie das fremde Pferd funktional beherrschen kann. Sie soll das Tier dominieren und es innerhalb weniger Minuten zu einer komplexen Leistung motivieren. Vor 100 Jahren, als dieses Sport-Konzept entwickelt wurde, war der Begriff „Tierwohl“ noch unbekannt und die ganze Einstellung dazu eine andere. In den 20 Minuten der Kennenlern-Zeit hatte die dreifache Olympiateilnehmerin Annika Schleu schon festgestellt, dass das Pferd „Saint Boy“ schwierig im Umgang war. Das Tier hatte schon mehrere Durchgänge mit anderen Reiterinnen hinter sich, zeigte eine Erschöpfungs- und Verweigerungstendenz. Der anwesende Tierarzt sah allerdings keine Probleme, für einen wiederholten Einsatz des Tieres.

Die Idee zum Modernen Fünfkampf stammt vom Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, und hat nicht zuletzt deshalb innerhalb der unterschiedlichen Wettbewerbe eine ganz spezielle Stellung. Der Wettbewerb sollte eine Königsdisziplin des olympischen Wettkampfs sein und wurde im Jahr 1912 in Stockholm erstmalig ausgetragen.  Den Vorstellungen der Zeit entsprechend, war der Fünfkämpfer DER ideale Athlet. Der Fünfkämpfer bzw. die Fünfkämpferin muss Konzentrationsfähigkeit und geistige Ruhe zeigen, Ausdauer und Kraft, schnelles Reaktionsvermögen, aber auch Gleichgewichtssinn und Einfühlungsvermögen. Eine Leistungskomplexität, die nur bei wenigen Sportarten erreicht wird. Der Trainingsaufwand ist entsprechend groß. Und es ist sicher nicht zufällig, dass die meisten Fünfkämpfer in der Vergangenheit aus der Polizei und dem Militär kamen. Der Moderne Fünfkampf kann sehr gut mit den Attributen Angriff, Verteidigung, Durchsetzungsvermögen, extreme physisch-psychische Belastbarkeit charakterisiert werden. Der militärische Kontext wurde von Coubertin selbst formuliert:  „Einem Meldereiter wird im feindlichen Gelände sein Pferd getötet, er verteidigt sich zunächst mit dem Degen, bahnt sich dann den weiteren Weg mit der Pistole, muss durch einen Fluss schwimmen und legt die letzte Strecke bis zum Ziel querfeldein laufend zurück.“ Der inspirierende Background für diese Sportart war eine reale Kampfsituation im Krieg, wo es um Leben und Tod geht, hatte also mit gesundheitspflegerischen Erwägungen oder einem spannend, abwechslungsreichen Leistungsvergleich wenig zu tun.

Das, was nun das Publikum beim olympischen Modernen Fünfkampf der Frauen 2021 zu sehen bekam, machte sehr anschaulich deutlich, dass es beim internationalen Leistungssport hart zu geht. In diesem Fall zu hart für das Pferd, das offenbar überfordert war mit einem ständigen Wechsel der Reiterinnen und zu hart für die Reiterin Annika Schleu, die mit ihren Nerven am Ende war und, gegen den Willen des Pferdes, noch ein einigermaßen gutes Ergebnis erzielen wollte. Die Interaktion von Pferd und Mensch konnte auf diese Weise nur in einer Katastrophe enden. Annika Schleu hätte eine Goldmedaille gewinnen können. Ihre bisher hervorragenden Leistungen im Fünfkampf wurden durch diesen misslungenen und für Tier und Mensch qualvollen Parcours zunichte gemacht. Sie wurde disqualifiziert, weil sie beim Springreiten scheiterte, und landete auf Platz 31.

Es war nur schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie Annika Schleu verzweifelt auf das Pferd mit der Reitpeitsche einschlug, die Sporen immer wieder in die Flanken des Pferdes drückte und die Trainerin ihr zuschrie: Hau drauf, hau drauf! Das Pferd war schweißnass und vollkommen am Ende und die Reiterin stand kurz vor dem nervlichen Zusammenbruch.

Die jetzt häufig zu hörender Forderung, das Reiten durch eine andere Teildisziplin zu ersetzen oder das Regelwerk zum Reiten im Fünfkampf zu ändern, ist im Prinzip richtig und hört sich einfach an. Jedoch: Wird das Reiten aus dem Fünfkampf rausgenommen, ist der ganze Wettbewerb raus aus den Olympischen Spielen. Der Verband müsste dann erst wieder das neue bzw. veränderte Konzept beim Olympischen Komitee genehmigen lassen. Das kann Jahre dauern.

Vielleicht hat dieser Skandal auch damit zu tun, dass wir solche Sportevents durch die heutige Medienvermarktung mehr als Unterhaltung und reines Spiel wahrnehmen. Tatsächlich sind es harte Kämpfe (Moderner Fünfkampf), wo es um Sieg oder Niederlage geht. In diesem Fall kann von einem partnerschaftlichen Arrangement von Tier und Mensch (so hätte man es gern) nicht mehr gesprochen werden. Das Tier sollte eindeutig, in kürzester Zeit, dominiert werden. Und zwar mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, weil Pferd und Reiterin sich nicht kennen und nur wenige Minuten Zeit für eine Passung haben. Deshalb auch die radikalen Anweisungen der Trainerin. Ich denke, die einzelnen Wettbewerbe müssen neu durchdacht werden. Die Rezeption des Publikums – und damit auch die Erwartungshaltung – ist heute – 2021 – eine andere als vor 120 Jahren.

(Zur Illustration verwende ich ein Video von DAVINCI, Meinungsblogger auf YouTube. Es lohn sich, auch seine Sicht zu hören)

Rolf-Michael Hilkenbach / August 2021

Kulturgeschichte – Popmusik: „Back to Black“

Vor 15 Jahren wurde das künstlerische Konzept-Album „Back to Black“ von AMY WINEHOUSE veröffentlicht. Dieses Album hat Musikgeschichte geschrieben. Eine der erfolgreichsten Musikproduktionen, mit mehreren Nr.1 Hits, 16 Millionen Mal weltweit verkauft.

AMY WINEHOUSE schrieb und komponierte die Songs, die genialen Produzenten Mark Ronson und Salaam Remi brachten die Songs in eine musikalische Form, die sich am Sound der frühen 6oer Jahre orientierte.

Heute wissen wir: AMY WINEHOUSE war schwer psychisch krank. Die Songs und die Musik waren für sie ein Mittel, um Gedanken und Gefühle zu kontrollieren. Als das allein nicht mehr genügte, kamen Alkohol und Drogen dazu. Sie starb am 23. Juli 2011 im Alter von 28 Jahren an einer Alkoholvergiftung (4,16 Promille im Blut).

Der Erfolg von „Back to Black“ hat mit Sicherheit auch mit der Authentizität der Gefühlslage zu tun, die dieses Album vermittelte. Da war nichts gespielt, nichts um den Erfolg willen inszeniert: Es war die Wahrheit, jeder einzelne Song.

Rolf-Michael Hilkenbach / Juli 2021

Lesezeit – Wiedersehen mit Brideshead

Kulturgeschichte aktuell. Haute Couture für Männer. Alta moda italia

Mode für Männer! Immer wieder interessant: Haute Couture/Alta Moda, die teuerste Bekleidung auf dem Markt. Handarbeit und Einzelanfertigung. Diese Art von Kleidung hat ihre Wurzeln in der höfischen Mode der Aristokraten aus vergangenen Jahrhunderten. Ich finde den Begriff „Prinzenmode“ ganz passend. In der weit zurückliegenden Vergangenheit, vor allem ein Symbol der Machtausübung und fürstlichen Repräsentation. Kleidung, die bewusst auf soziale Unterscheidung angelegt ist. Exklusivität ist hier gefragt, weit entfernt von den „Niederungen“ des Alltags.

Heutzutage ist es eine Mode, die Individualität feiert und besonders eine starke Persönlichkeit herausstellen möchte, jenseits von jeder alltäglichen Anpassung und Unterordnung. Haute Couture/Alta Moda liegt deshalb immer quer zum Mainstream, ist prinzipiell unangepasst. Insofern kann diese exklusive Mode gesellschaftlich innovativ wirken, auch wenn sie für die meisten Menschen nicht in Frage kommt. Haute Couture/Alta Moda ist immer provokant, sie stellt das Selbstverständliche, Unhinterfragbare des Alltäglichen zur Disposition, allerdings nicht durch Negation, sondern durch ästhetische und materielle Aufwertung. Experimente sind da nicht ausgeschlossen, sondern fester Bestandteil der Kreativität. Das kulturell Mögliche wird ausgelotet und gespiegelt.

Einige Kombis, die die im folgenden Video gezeigt werden, liegen in der Preisklasse zwischen 20 000 -100 000 Euro. Das italienische Designerpaar Dolce & Gabbana kann als führend in der Haute Couture angesehen werden. Ihre Entwürfe beeindrucken durch extreme Auffälligkeit, wertvolle Stoffe, viel Glitzer, Schmuck, Gold und Silber. Durch einen großen Aufwand in der Ausstattung wird eine starke, strahlende optische Wirkung erzielt, die das Individuum zur Entfaltung bringen soll bzw. das Selbst-Sein in den Mittelpunkt stellt und damit die eine, meist dominante, formale Funktionalität und alltägliche Verpflichtung relativiert.

Das Video zeigt die Haute Couture Kollektion von Dolce & Gabbana für Herbst und Winter 2021. Das Designerpaar ist zum Schluss der Show, auf der Videowand zu sehen. Bedingt durch die Corona-Pandemie musste die Präsentation der Kollektion ohne Publikum stattfinden.

Rolf-Michael Hilkenbach/ Mai 2021