Heritage Interpretation – Beziehungsorientierte Kultur- und Geschichtsvermittlung

Führung mit Gruppe aus Dormagen

 

Für alle die im Bereich der Kultur- und Geschichtsvermittlung, Touristik, Gästeführungen, Museumspädagogik tätig sind (oder sich dafür interessieren) möchte ich hier auf das pädagogische Konzept „Heritage Interpretation“ hinweisen.

In den USA und Kanada ist Heritage Interpretation das einflussreichste Konzept der außerschulischen Information- und Bildungsarbeit, fest institutionalisiert in nationalen Verbänden und auch berufsständisch organisiert. Es wird angewendet u.a. in Museen, historischen Gebäuden, Ausstellungshäusern, Naturparks, ausgewählten Landschaften, speziellen historischen Erinnerungsorten, als Grundlage von historischen Erlebnisprogrammen. In Deutschland ist die „Heritage Interpretation“ und die damit verbundene Idee immer noch relativ unbekannt. Mein Text dazu, ist als PDF Datei angefügt. Der Link steht unter diesem Absatz.

Hilkenbach Heritage Interpretation

 

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Skandalös !!! ??? Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen

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Für den Online-Lotterieanbieter „Lottohelden.de“ ließ sich Sophia Thomalla als Jesus am Kreuz abbilden und der Skandal war perfekt. Der Slogan dazu: „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“. Tageszeitungen und Online-Dienste berichteten im ganzen Land aufgeregt über diese Werbe-Performance. Einschlägige christliche Gruppen auf Facebook empörten sich in heftigen Diskussionen. Entsetzte Kommentare der Kirchen blieben nicht aus.

Also, da muss ich doch mal dazwischen gehen! Was ist daran wirklich skandalös? Jesus am Kreuz ist DAS zentrale Symbol des Christentums, nicht nur zu Karfreitag. Und es hat was mit der Realität des Lebens von Jesus zu tun. Sein Leben endete nachweislich am Kreuz. Das die Ikonographie des Weihnachtsfestes mit einem Säugling in einer Futterkrippe verbunden wird, hat mit aller historischen Wahrscheinlichkeit, nichts mit der Realität zu tun. Da ist das Kreuz absolut realer.

Dass in der Werbefotografie eine Frau die Position von Jesus einnimmt ist nicht skandalös und keine Blasphemie, erinnert jedoch an einige Absurditäten des christlichen Weihnachtsfestes, die es schon seit Jahrhunderten gibt und die als hingenommene Selbstverständlichkeiten kaum zum Thema werden. Der „Nürnberger Christkindl Markt“ wird von Beginn an von einem „Christkind“ eröffnet. Eine merkwürdige Mischung zwischen Kind und junger Frau. Es muss immer ein Mädchen sein, das diese engelsgleiche Figur darstellt. Jesus als Engel??? Was hat diese Figur mit Rauschgoldflügel und Blondlocken mit Weihnachten zu tun? Angeblich soll dieses „Christkind“ die Geschenke bringen und Wünsche erfüllen. Warum und wie soll das geschehen? Ist das Christkind nun ein Junge oder ein Mädchen? Und wenn wir davon ausgehen, dass es ein Junge ist, der noch als Säugling in einer Krippe liegt: Wie soll der Geschenke verteilen?

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert muss Weihnachten immer ganz besonders „SCHÖN“ sein. Angestrengt schön! So angestrengt schön und harmonisch, dass sich in vielen Familien die Menschen gegenseitig die Köppe eingeschlagen (sinnbildlich und wirklich). Skandalös! Wo das Ganze doch ein Fest des Friedens sein soll. Zu keinem Fest im Jahreslauf werden so viele zwischenmenschliche Konflikte ausgetragen. Die Polizei hat an den Weihnachtsfeiertagen viel zu tun.

Glitzer und Glamour, romantischer Kerzenschein: Da ist der Werbeslogan zu dem Bild mit Sophia Thomalla – „Jetzt wird Weihnachten noch schöner“ – nicht falsch. Sie ist eine schöne Frau und wirkt in der Pose am Kreuz tatsächlich nicht gerade unattraktiv. Einige Kritiker betonten die Nacktheit von Sophia Thomalla. War Jesus am Kreuz vollständig bekleidet? Muss eine Frau in dieser Jesusposition angezogener sein? Warum? In diesem Zusammenhang auf die – durchaus auch erotisch, masochistisch konnotierte – Leidensmystik der christlichen Kirche einzugehen, würde an dieser Stelle allerdings zu weit gehen. Doch so etwas gibt es in der christlichen Religionsgeschichte durchaus: Selbstkasteiungen und bedingungslose Akzeptanz des Leidens als Prüfung und Willen des allmächtigen Gottes. Mit Glücksgefühlen das Leiden Jesus Christie nachempfinden. Wir brauchen nur in einige Lebensbeschreibungen katholischer Heiliger zu schauen. Das Leid der Armut ertragen, weil Jesus ja auch angeblich so (gewollt) arm war. Das ist nun wirklich skandalös!

Wir alle wünschen uns ein glattgebügeltes, konfliktfreies, glitzerndes Weihnachtsfest. An die Wirklichkeit der Weihnacht möchte niemand erinnert werden. Das Bild mit Sophia Thomalla am Kreuz erinnert geradezu skandalös an den Skandal des sozio-kulturellen Umgangs mit dem Weihnachtsfest. Wer von den vielen Kritikern dieser Aktion kennt denn die Wirklichkeit der biblischen Weihnachtsgeschichte tatsächlich? Eine konfliktbeladene Beziehungsgeschichte, Verfolgung, Mord und Totschlag. Eine Geschichte jenseits aller idealisierter Familienidylle, Romantik und Sentimentalität. Die Werbeaktion eines Lotterieunternehmens mit Sophia Thomalla verweist hier auf die allzu oberflächlichen Pinselstriche mit denen, fast überall auf der Welt, die Weihnachtsgeschichte ohne jeden Tiefgang in Szene gesetzt wird.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg sprach mit Bezug auf diese Performance von „geschmacklos und dumm“. Für mich sind Menschen geschmacklos und dumm, die das ganze Jahr über mit Gott und Jesus Christus nichts am Hut haben und zu Weihnachten auf einmal sentimental religiös werden oder an Heiligabend zur katholischen Kirche laufen, um den Gottesdienst wie eine Weihnachtsshow zu genießen. Sie wissen absolut nicht, was sie da tun!

Ich hörte vor ein paar Tagen bei einem amerikanischen Radiosender eine vorweihnachtliche Musik-Sendung. Zum Schluss der Sendung wünschte die Moderatorin allen Hörerinnen und Hörern ein gesegnetes Weihnachtsfest…..glückliche Ostern, frohe Pfingsten…und ein gutes neues Jahr…. (sie hatte plötzlich gemerkt, was sie daher redete und schob lachend im Nachsatz hinterher) „und es ist ja eigentlich egal, Hauptsache es geht uns allen gut“…. Ich dachte: Was für eine dumme Person! … Skandalös!

Rolf-Michael Hilkenbach

Gesehen: „Baywatch“

„Baywatch“ ist eine us-amerikanische Filmkomödie mit Actionelementen. Allein in Deutschland ca. 2 Millionen Besucher in den Kinos. Mit bisher 177.856.751 US-Dollar Umsatz, wohl einer der erfolgreichsten Kinofilme im Jahr 2017.

„Baywatch“ ist das Remake einer Fernsehserie, die mittlerweile zu den Klassikern der Fernsehgeschichte gehört. Die Serie wurde in 144 Ländern ausgestrahlt und erreichte in den 90er Jahren geradezu Kultstatus. Beach-Lifestyle, flotte Musik, sexy Bademoden, Beziehungsgeschichten gemixt mit etwas Abenteuer machten die Serie zum Publikumsrenner. Der Spielfilm „Baywatch“ greift diese Elemente auf. Er ist vom Regisseur Seth Gordon gut inszeniert und verfügt über die passenden Schauspieler.

Die Geschichte ist nicht besonders komplex, aber keineswegs einfach nur Unterhaltung. Gezeigt werden Ereignisse um ein Team von Rettungsschwimmern. Die „Lifeguards“ retten aber nicht nur Menschen aus dem Wasser, sondern kümmern sich um alle möglichen Gefährdungen der Strandwelt. Stachelrochen, Haie, Drogenschmuggler und Diamantenhändler bedrohen das Sommer-Sonne-Freizeit-Idyll der Strandbesucher. Die Strandwelt bleibt von Mord und Totschlag nicht verschont. Die Rettungsschwimmer retten die Welt und werden dabei nicht selten von den Strandbesuchern beobachtet. Der Strand, eine Bühne des Lebens, wo der nötige Applaus nicht fehlt. Mitglied bei den Lifeguards werden, kommt einer Auszeichnung gleich. Der Film konzentriert sich auf diese Kernthemen und macht sich gleichzeitig auch lustig über das Schema. Die Geschichte wird mit viel ironischer Distanz ins Auge gefasst. Zitat aus dem Film: „Warum tragen an diesem Strand eigentlich alle Frauen am Bein so hoch ausgeschnittene Badeanzüge?“ Antwort der Badenixe: „Damit wir besser schwimmen können.“

Der weibliche Drogendealer ist eine mexikanische Schönheit. Sie betont: „Ich habe Zuhause das Geschäft meiner Brüder übernommen und bin nach Amerika gekommen, weil es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist“. Eine allzu realistische Befürchtung vieler US-Amerikaner, die gerne eine Mauer Richtung Mexiko errichten wollen.

Trotz der (oft irrationalen) Phantasie des Drehbuchs, gab es ursprünglich eine reale Grundlage der Storyline: Der „Los Angeles County Lifeguard Service“ an der Küste von San Pedro. Er ist mit 132 Festangestellten, und in der Saison mit ca. 650 angestellten Rettungsschwimmern, der größte Rettungschwimmerdienst der Welt.

Der Strand ist im Film eine Art Sonderwelt, mit eigenen Werten, Regeln und Initiationsriten für die verantwortlichen Lebensretter. „Mitch“ ist der charismatische Anführer/Leiter des Rettungsschwimmerteams, der seine Prinzipien jedem Lifeguard-Bewerber sofort klarmacht. Menschen, die nur für sich selbst existieren wollen, sind für den Job ungeeignet. Teamgeist und das Wissen darum, das man Mitglied einer Familie ist, sei das Entscheidende. Was die Bewerber in einem Vorleben als Qualifikationen erworben haben ist dafür relativ unbedeutend, der Wille zur Aufgabe und die innere Einstellung sind wichtiger. Die Neuen beim Rettungs-Training machen das deutlich: eine Meeresbiologin, ein übergewichtiger Computer-Nerd und ein Goldmedaillengewinner im Schwimmen. Alle müssen sich zuerst in einem Trainee-Programm bewähren, bevor ihnen die nötige Reife von Mitch zuerkannt wird.

Speziell am „Schwimmmeister“ wird das besonders vorgeführt. Er ist eine Sportskanone, hat aber Charakterschwächen und einen ungeordneten Lebenswandelt. Die Schule von Baywatch, nicht zuletzt das Vorbild von Mitch, macht ihn zum gereiften Menschen. Der „Schwimmmeister“ wird in einem Interview gefragt ob er ein Egozentriker sei. Antwort: „Nein, ich bin nur Amerikaner“. Satire und Realität in der Ära Trump gleichzeitig?

So oberflächlich die Geschichte von „Baywatch“ erscheinen mag, so intensiv thematisiert sie doch auch Grundprinzipien der us-amerikanischen Gesellschaft. Es geht um die Verantwortung des Einzelnen für das Große und Ganze, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden soll (in der Fernsehserie kümmern sich die Rettungsschwimmer häufig um Kinder, alte und behinderte Menschen).

Wie in der Fernsehserie spielen im Kinofilm „Baywatch“ natürlich Sex und Erotik eine wichtige Rolle, aber auch hier mit Witz und Ironie in Szene gesetzt. Der ziemlich verklemmte Umgang mit Sex in der amerikanischen Öffentlichkeit wird pointiert auf die Spitze getrieben. Es wird ständig über Sex geredet, zu sehen ist aber nichts. Auch das, typisch amerikanisch. Erst im „Leichenkeller“ eines Krankenhauses wird der Körperkontakt (unangenehm) enger. Jetzt darf auch mal – ganz unerotisch – an einem Schwanz herumgefummelt werden.

Die zwei herausragenden Stars der vergangenen Fernsehserie müssen selbstverständlich ebenfalls ihre Kurzauftritte haben. David Hasselhoff erscheint als ehemaliger Mentor von „Mitch“ und es wird sofort deutlich, er kann Dwayne Johnson (dem neuen „Mitch“) nicht das Wasser reichen, seine Zeit ist vorbei. Zum Schluss des Films erscheint auch Pamela Anderson. In Slow Motion schreitet sie auf High Heels in einem hautengen weißen Hosenanzug, mit wehenden blonden Haaren auf einem Bootssteg entlang….und man versteht sofort welche Wirkung diese Frau auf Männer hatte und sicher immer noch hat.

Rolf-Michael Hilkenbach

Die verfolgte Unschuld

 

Sie war Winnetous große Liebe und galt als eine der schönsten Frauen des deutschen Films. KARIN DOR verstarb am Montag, den 6. November 2017 im Alter von 79 Jahren.

Fast alle großen Tageszeitungen titelten aus Anlass ihres Todes: „Das einzige und letzte deutsche Bond-Girl“. Ein Aspekt ihrer Karriere, der anscheinend ganz besonders in Erinnerung geblieben ist.

Karin Dor war der letzte wirkliche weibliche Filmstar, den der deutsche Kinofilm in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Sie war eine gute Schauspielerin mit ausdrucksstarker Stimme, die beim Publikum große Sympathien weckte. Das große Drama oder der schwieriger Charakter waren nicht ihre Sache. Ihr Rollenfach im deutschen Film war „das süße Mädel“ und die „verfolgte Unschuld“. In ihrer Außenwirkung war sie gleichzeitig zeitgemäß jugendlich, modern und elegant. Nicht schwierig, nicht kompliziert, ganz gegenwärtig und vor allem frisch, sauber. Auf alle Fälle nicht aufmüpfig, unangepasst wie Teile der immer rebellischer werdende Nachkriegsjugend. Das ließ die unangenehme Vergangenheit und den Schmutz der Nachkriegsära vergessen. Das mochten die Nachkriegsdeutschen. Als „verfolgte Unschuld“, die mit einer dämonisch, schrecklichen Vergangenheit nichts zu tun hat, fühlten sich auch viele Deutsche. So wurde Karin Dor zu einer der populärsten Darstellerinnen im deutschen Genre-Film der 60er Jahre: Karl-May-Filme, Edgar-Wallace-Filme, Schlager- und Heimatfilme.

Die ganz große Bühne bekam sie im Jahr 1967. Ihr gelang etwas, das bisher in der Nachkriegszeit keiner deutschen Schauspielerin gelungen war. Karin Dor bekam eine wichtige Rolle in einem international sehr erfolgreichen und sehr aufwendig inszenierten Filmformat: „James Bond 007 – Du lebst nur zweimal“. Bezeichnend ihr Bericht zu diesem Ereignis: Sie sollte im Film Englisch sprechen, mit einem deutschen Akzent. Den Akzent hatte ihr allerdings eine gute Englischlehrerin schon während der Schulzeit ausgetrieben. Karin Dor erfüllte nicht mehr ohne weiteres das Klischee einer Deutschen. Sie spielte in dem Film eine deutsche Agentin, aber mit mondäner Internationalität. Das typisch Deutsche war ausgemerzt. Und sie bekam die höchste Gage, die je eine Schauspielerin in einem Bond-Film bekommen hatte. Durchsetzungsvermögen, Wertschätzung, Gefragt-Sein zeigten sich in dieser Geschichte. Nicht umsonst musste Karin Dor diese „Besetzungsgeschichte“ immer wieder erzählen. Für die Rolle im Bond-Film mussten ihre Haare von Dunkel auf Rot-Blond gefärbt werden. Nach ihrer Erzählung, eine sehr aufwendige Angelegenheit, aber sie war flexibel und anpassungsfähig genug um diese Veränderung über sich ergehen zu lassen. Trotz durchaus vorhandener Widerstände und ungünstiger Umstände, setzte sie sich durch.

Zwei Jahre später wurde sie, unter vielen Mitbewerberinnen, von dem berühmten Regisseur Alfred Hitchcock für die weibliche Hauptrolle in den Film „Topas“ ausgewählt. Hier sollte sie eine Kubanerin spielen. Englisch mit kubanischem Akzent war für sie kein Problem. Darüber wunderte sie sich später selbst. Die Erfolgsgeschichte von Karin Dor ist auch ein Stück Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Deutschen.

Jedoch: Mit Hitchcocks Spionagethriller (1969) war ihre internationale Karriere schon beendet. Die Filmindustrie befand sich in einer Krise, es gab nicht mehr so viele passende Rollen und sie wollte, nach ihren eigenen Aussagen, nicht monatelang in den USA auf Arbeitsmöglichkeiten warten. Stattdessen konzentrierte Karin Dor sich auf das Theater. Bis zu ihrem Tod spielte sie in zahlreichen Boulevardkomödien, zuletzt an der Komödie am bayrischen Hof in München.

In dem Video erzählt sie die „aufregende“ Geschichte, wie sie zu der Rolle in dem James-Bond-Film gekommen war.

Rolf-Michael Hilkenbach

The „Sexiest Man Alive“ oder Das männliche PinUp

The „Sexiest Man Alive“ ist eine internationale bekannte Auszeichnung, die am Ende eines jeden Jahres, vom US-amerikanischen „People Magazin“, an den Mann mit dem größten Sexappeal verliehen wird. Diese Auszeichnung wird seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts vergeben und wird jedes Mal von einer weltweiten medialen Aufmerksamkeit begleitet. Im Jahr 2016 wurde Dwayne Johnson zum Sexiest Man Alive gewählt. Und am Ende dieses Jahres wird die Welt wieder gespannt darauf warten, wer es den nun diesmal sein wird. Heute mögen solche Formate der Populär-Kultur als mehr oder weniger selbstverständlich erscheinen, aber kulturgeschichtlich stellt gerade dieses Format eine spezielle Besonderheit dar. Was ist das Besondere daran? Der Mann wird hier als ein Objekt der lustvollen – mit Sex und Erotik aufgeladenen – Betrachtung präsentiert. Eine Form der Geschlechtsrollendarstellung, die – in dieser Art – zuvor nur auf Frauen bezogen bekannt war. Das wurde erst Möglich durch einen gravierenden sozialen Wandel, durch die Emanzipation der Geschlechter. Tatsächlich handelt es sich hier auch um eine Emanzipation des Mannes von konservativen Rollenvorbildern. Die fotografische Darstellung von Männern als PinUp wurde in den gesellschaftlichen Mainstream integriert.

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Das Video zeigt sehr gut die Art der Selbstinzenierung von Dwayne Johnson als Pinup

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Fotografische PinUps sind Bilder, die einen Einblick auf den menschlichen Körper geben und dabei die sexuelle Attraktivität der Körperlichkeit in besonderer Weise inszenieren. Dabei kann die Nacktheit, das Unbekleidet-Sein des Modells, wichtig sein, aber die Nacktheit an sich ist kein entscheidender Faktor für die öffentliche Bildrezeption. PinUps enthüllen den menschlichen Körper, jedoch niemals vollständig. Die Abbildung der totalen Nacktheit ist für die meisten PinUps eher unüblich. PinUps können im Kontext gesellschaftlicher Werte und Normen als „anstößig“ beurteilt werden, aber niemals als „unanständig“. Bei dieser Art von Fotografie, geht es eher darum die Phantasie anzuregen. Es handelt sich um ein Spiel mit den imaginierten Bildern und Phantasien im Kopf des Betrachters. Wahrscheinlich macht dies den besonderen Reiz dieser Bilder aus. Das Potenzial des visuell Möglichen wird so ungemein vielfältig erweitert und den jeweils individuellen Bedürfnissen des Betrachters angepasst. Der Phantasie werden keine Grenzen gesetzt. PinUps zielen auf die Schaulust des Betrachters.

Pin-Ups reduzieren die dargestellte Person auf ihre körperliche Attraktivität. Ein spezielles Können, der Beruf, sozialer Status spielen für die Abbildung keine Rolle. Werden bereits bekannte Personen als PinUps abgebildet, dient der Bekanntheitsgrad – die Popularität – lediglich als zusätzlicher Faktor für die erwünschte Aufmerksamkeit.
Das Wort PinUp weist auf den Gebrauchswert und den Entstehungshintergrund dieser Bildgattung hin. Es handelt sich um Fotografien, die man locker an eine Wand heften kann, die massenhaft reproduziert werden und ein sehr großes Publikum erreichen.

Damit ein großes Publikum erreicht werden kann müssen diese Bilder in weitverbreiteten illustrierten Zeitschriften ab druckbar sein. Der Freizügigkeit in der Darstellung sind daher bei PinUps Grenzen gesetzt. Die bildliche Darstellung muss sich weitgehen immer noch im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen bewegen und darf die Grenze zur Pornografie nicht überschreiten. Das Hauptobjekt von PinUps sind natürlich Frauen und die vorrangige Zielgruppe der Fotos sind natürlich Männer, aber nicht nur. Einige berühmt gewordene Pin-Up-Modelle konnten auch für Frauen zu attraktiven Vorbildern für Weiblichkeit und selbstbewusste Erotik werden.

Besonders en Vogue wurden Pin-Ups während des zweiten Weltkrieges bei den us-amerikanischen Soldaten. Sie hefteten die Fotos oft in die Innenseite ihrer Spins.
Pin-Ups werden speziell als herausnehmbares Faltblatt, als eine Art Beilage populärer illustrierter Zeitschriften und Magazine, und auch als in Massen produzierte Fotokarten verbreitet. Pin-Ups dürfen daher möglichst keinen pornografischen Charakter haben, da sie sonst unter die Zensur fallen würden und die öffentliche Verbreitung in diesem großen Ausmaß nicht möglich gewesen wäre. Pin-Ups müssen von ihrer Ästhetik so gestaltet sein, dass sie ohne weiteres von Jedermann/Jeder frau betrachtet werden können ohne das damit sofort eine negative moralische Stigmatisierung verbunden wäre.

Wie schon gesagt, sind die Hauptobjekte von PinUps besonders attraktiv inszenierte Frauen. Bis zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren es ausschließlich Frauen. Die ersten sehr berühmt gewordenen Modelle für fotografische PinUps waren der Hollywoodstar Betty Grabel und das Fotomodell Betty Page. Ihre fotografische Inszenierung als PinUp wurde zum Vorbild für viele nachfolgende PinUp-Produktionen. Fotografische PinUps zeigen Frauen auf Augenhöhe mit dem Betrachter, selbstbewusst in Szene gesetzt. Romantik, Verspieltheit oder naiver Charme spielen für die Darstellung eher eine sehr untergeordnete Rolle.

Grabel 2Betty Page

Im Zuge der Frauenemanzipation der späten 60er und frühen 70er Jahre veränderte sich der Blick auf PinUps gravierend. Auf der einen Seite entstand eine sehr kritische Diskussion innerhalb der Frauenbewegung. PinUps wurden wegen der objekthaften Darstellung von Frauen grundsätzlich abgelehnt. Zum anderen wurde aber auch zunehmend betont, dass ebenso Frauen ein Recht auf das lustvolle Betrachten des männlichen Körpers haben. Die öffentliche Darstellung des männlichen Körpers als PinUp war bis zu diesem Zeitpunkt ein Tabu. Zwar gab es auch in der Vergangenheit männliche Filmstars wie zum Beispiel Rudolfo Valentino, Errol Flynn und Clarke Gabel die speziell auch wegen ihrer erotischen Wirkung auf Frauen fotografisch in Szene gesetzt wurden, aber dabei stand die Filmdarstellung immer im Vordergrund. Fotografie war hier eher ein Nebenprodukt, das auch weitgehend den konventionellen Rahmen nicht verließ. Die öffentliche Darstellung der sexuellen Attraktivität von Männern galt als unangemessen. Männer in der öffentlichen Fotografie mussten stets von einer gewissen Aura der Autorität und des Respekts umgeben sein.

Anfang der 70er Jahre wurde das erste männliche PinUp veröffentlich. Die Frauenzeitschrift Cosmopolitan publizierte ein großes Faltblatt mit dem Foto des Schauspielers Burt Reynolds. Dieses PinUp sorgte für ein weltweites Aufsehen. Erstmalig wurde hier ein Mann abgebildet, in einer vergleichbaren Inszenierung, wie man es bisher nur von Frauen kannte. Wahrscheinlich wird Burt Reynolds allein durch dieses Foto mehr in Erinnerung bleiben als durch seine Filmrollen. Dieses PinUp ist mittlerweile ein Fotografie-Klassiker.

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Die Ästhetik männlicher Pinups ist allerdings im Vergleich zu den weiblichen PinUps sehr variabel und spiegelt somit immer noch klassische, kulturell geprägte Rollenbilder von Mann und Frau. Dies verweist vor allem auf die ganz entschieden andere Wahrnehmung der männlichen Körperlichkeit. Bei weiblichen PinUps geht es in der Wirkung sehr stark um Frische, jugendliche Makellosigkeit, Glattheit der Oberfläche, möglichst Alterslosigkeit. Erstaunlich ist hier auch, dass immer noch die fotografischen Pinups der 50er Jahre als Ideal gesehen werden, an denen sich auch die PinUp-Malerei und Grafik bis heute orientiert.

Hingegen ist das männliche PinUp unabhängig vom Alter der Modells. Zum Beispiel wurde Sean Connery 1989 mit 69 Jahren zum „Sexiest Man Alive“ und 1999 im Alter von 79 Jahren zum „Sexiest Man oft he Century“ gewählt. Was damit deutlich gemacht wurde: Seine Abbildung hatte offensichtlich nicht, durch das Alter, an sexueller Attraktivität verloren.

ca. August 1975 --- Sean Connery --- Image by © Douglas Kirkland/CORBIS
Image by © Douglas Kirkland/CORBIS

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Gerade an den sehr unterschiedlichen Titelträgern von „Sexiest Man Alive“ wird sichtbar, dass es bei Männern eher die Gesamtwirkung bzw. die Gesamtwahrnehmung der Person ist, die sie zu einem wirkungsvollen PinUp macht. Also ein bestimmtes Image muss in die fotografische Performance integriert sein. Bei Burt Reynolds war es mit Sicherheit das des lockeren, unkomplizierten Draufgängers mit dem man Spaß haben konnte. Eine Performance, die besonders in die Aufbruchsstimmung der 70er Jahre passte. Bei Sean Connery war es das Bild der traditionellen soliden Männlichkeit, gepaart mit Abenteuer und Dominanz. In den späten 80er und 90er Jahren der 20. Jahrhunderts durchaus auch ein Spiegel des aufkommenden Neokonservatismus, der vor allem an der Bestätigung und Optimierung des Bestehenden interessiert war, jedoch innovative Reformen nur noch kritisch diskutierte. Sicherheit in einer unsicherer werdenden Zeit, mit ungewisser Zukunft, wurde wichtiger.

Dwayne Johnson, der aktuelle „Sexiest Man Alive“ 2016 ist in der Reihe der Titelträger sehr ungewöhnlich. Sein Image ist geprägt von Begriffen wie Kampfgeist, Durchsetzungsvermögen, Kraft mit einer Portion Aggressivität. Wie man jedoch aus den Medienberichten zu seiner Nominierung ersehen konnte, wird er nicht einfach nur als Macho wahrgenommen. Es wurde in den medialen Berichten über ihn immer auch auf seine sozialen Rollen als Familienvater, als erfolgreicher Schauspieler und ehemaligen Footballspieler und Wrestler verwiesen. Attribute, die seine sexuelle Attraktivität offensichtlich steigerten. Im Grunde wird hier der amerikanische Traum imaginiert, der für so viele US-Amerikaner keine unmittelbare reale Relevanz mehr besitzt. Der sozialer Aufstieg  durch Kraft, Einsatz, Ausdauer und Beständigkeit. So verweisen besonders die männlichen PinUps immer auch auf sich wandelnde gesellschaftlich-kulturelle Stimmungen und Bedürfnisse. Vielleicht bekommt deshalb die jährliche Nominierung zum Sexiest Man Alive eine so große mediale Aufmerksamkeit. Bekannte fotografische männlichen PinUps repräsentieren wechselnden Zeitgeist. Hingegen repräsentieren die weiblichen fotografischen PinUps fast ausschließlich den Wunsch nach Lust und Verfügbarkeit. Und sie appellieren vor allem an ein unkompliziertes Beziehungsverhältnis zwischen Mann und Frau. Trotz aller Emanzipation der Geschlechterrollen, bleibt das weibliche PinUp – mehr denn je – im Land der männlichen sexuellen Phantasie verortet.

Rolf-Michael Hilkenbach

Man sah sich, man traf sich…so sexy kann Anarchie sein. Zur Erinnerung an Jutta Winkelman

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Im Jahr 1967 flüchteten die Zwillinge Jutta und Gisela Schjutta-und-giselamidt aus dem kleinbürgerlich, provinziellen ihrer Heimatstadt Kassel in das aufregende Berlin, um Kunst, Film und Theater zu studieren……und landeten in der berühmt berüchtigten „Kommune I“. Getragen vom Bewusstsein, zu einer Generation zu gehören, die eine ganze Welt verändern wird, wurden die hübschen jungen Frauen schnell zu alternativ glamourösen Ikonen der 68er Bewegung. Ähnlich wie Rainer Langhans, Uschi Obermaier und auch Bommi Baumann symbolisierten sie die Attraktivität, die „Sexiness“, dieser Jugendrevolte. Freie Liebe, Sex und Drogenrausch, alles Private ist politisch, es gibt keine Trennung zwischen privat und öffentlich, alles ist öffentlich. Nur die „Direkte Aktion“ im unmittelbaren Lebensumfeld kann wirklich etwas verändern. Dem spießigen bürgerlichen Versteckspiel hatten Jutta und Gisela den Kampf angesagt.

William Mellor hatte den Begriff dazu schon 1920 geprägt, „Direct Action“. Für die Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen späterer Jahrzehnte ganz wichtig. Die Anarchistin Emma Goldmann formulierte die eigentliche Idee schon 1911 sehr anschaulich: „Die direkte Aktion, die sich schon auf ökonomischem Gebiet als erfolgreich erwiesen hat, ist im Bereich des Individuums gleichermaßen wirksam. Hunderte von Zwängen beeinträchtigen dort sein Dasein, und nur hartnäckiger Widerstand dagegen wird es endlich befreien. Direkte Aktion gegen die Betriebsführung, direkte Aktion gegen die Autorität des Gesetzes, direkte Aktion gegen den zudringlichen, lästigen Einfluss unseres Moralkodexes ist die folgerichtige, konsequente Vorgehensweise des Anarchismus.“

Jutta und Gisela hielten sich mit der Theorie nicht lange auf, sie praktizierten es. Raus aus den Zwängen, Freiheit leben, Selbstverwirklichung wurden zu ihren Lebensthemen. Beide Frauen heirateten sehr früh, aber das hinderte sie auf keinen Fall daran, den jeweils ganz eigenen Lebenswegen zu folgen. Sie reüssierten als Schauspielerin, Regisseurin, Fotomodell, Schriftstellerin und bildende Künstlerin. Aber durch nichts wollten sie sich wirklich binden lassen. Immer wenn es zu professionell wurde, sprangen sie ab.

Nachdem die Revoluzzer-Szene in Berlin etwas ausgereizt war, zog es die zwei Frauen nach Rom. Dort lernten sie den 16jährigen Milliardärssohn John Paul Getty kennen, der sich ebenfalls auf dem „Aussteiger-Trip“ befand; vor allem auf der Flucht vor seinem erzkonservativen Großvater, dem reichsten Mann der Welt. Zum neuen Bekanntenkreis zählten nun auch einige Mafiabosse. Wenig später heiratete die 23jährige Gisela den 16jährigen. Die Drei lebten eine freundschaftliche Mé-nage-à-trois. Jutta war mit dem Filmemacher Adolf Winkelmann verheiratet, von dem sie sich aber mittlerweile getrennt hatte.

In Italien wurden Jutta und Gisela zu den am meisten fotografierten Modells. Und wie selbstverständlich, interessierten sich auch der Filmproduzent Carlo Ponti und die Regisseure Frederico Fellini und Bernardo Bertolucci für die spektakulären „Twins“. Das fanden die Beiden ganz unterhaltsam, an längerfristigen Engagements waren die Zwillinge jedoch nicht interessiert. In Italien bekam das freie, ausgeflippte Hippieleben den ersten Knacks: John Paul Getty wurde von der Mafia entführt, ein Ohr wurde ihm von den Entführern abgeschnitten, und die Zwillinge wurden von der Polizei verdächtigt an der Entführung mitgewirkt zu haben. Tatsächlich hatten die Drei mit solchen Gedanken gespielt. Gisela Getty in einem Interview mit dem „Stern“:

„Wir haben uns damals als Götterkinder gefühlt. Wir haben natürlich mit so einem Gedanken gespielt. Paul kannte ja so ein paar Mafia-Leute, wir fanden die auch nett, es waren junge, nette Typen. Paul kam eines Tages an und sagte: „Wäre so eine Entführung nicht eine tolle Idee?“ Und wir fanden es dann auch toll, dachten, wir machen Geld und kaufen uns irgendwo in Marrakesch ein großes Schloss. Es ging uns aber nicht darum, reich zu werden. Wir hatten die Vision, dort eine Auserwählten-Kommune zu gründen, eine alternative Welt zu gestalten. (…) Jaja. Es war alles sehr kindlich, recht naiv. Aber die Mafiosi spielten Spiele, die wir nicht kannten. Harte Männer-Spiele. Wir als 68er-Blumenkinder waren da völlig überfordert.“

Nach Italien ist die nächste Station San Francisco, Kalifornien, die Hauptstadt der Flower-Power-People. Und ganz natürlich trafen sie hier Sean Penn, Bob Dylan, Leonard Cohen, Dennis Hopper, Mick Jagger, Andy Warhol, Roman Polanski und Robert de Niro. Jutta und Gisela mitten drin, in der Swinging `68 Generation.

In ihrer Doppelbiografie „Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen“, (2008), versuchten sie eine Dokumentation dieser Zeit.

Mitte der siebziger Jahre gründete Jutta Winkelmann zusammen mit Rainer Langhans in München die spirituelle Lebensgemeinschaft „Harem“, der sich auch ihre Schwester Gisela anschließt. Ihre geistige Heimat finden die Zwillinge in der indischen Philosophie und dem Buddhismus. Über diese Erfahrung veröffentlicht Jutta Winkelmann 1999 ein Buch: „Das Harem-Experiment: Begegnungen mit Rainer Langhans, dem letzten APOnauten“.

2014 machte Jutta Winkelmann ihre Krebserkrankung öffentlich. In einem beißend anarchischen Comicbuch reflektiert sie ihr Krankheitserleben: „Mein Leben ohne mich“, (2016). Chemotherapie lehnt sie ab, auch die verordnete Schmerzmedikation schränkt sie ein. Sie will ihren Verstand nicht vernebeln, sie will ganz klar sein, bis zuletzt. Sie will niemals Opfer von Zuständen sein und seien sie noch so unabwendbar. Sie möchte Kommentatorin sein und sucht nach dem Sinn der zerstörerischen Prozesse in ihrem Körper. Reflektion bis zum Ende. Alles ist öffentlich, nichts ist privat, das Private ist politisch. Das Konzept wird durchgezogen. Das Krankenzimmer ist nicht tabu. Kamerateams und Journalisten haben Zutritt, solange es möglich ist. Gisela macht ein letztes Foto von ihrer Schwester auf dem Sterbebett…und das Bild wird in der Zeitschrift „Stern“ veröffentlicht. Sie wiegt nur noch 30 Kilogramm. Jutta Winkelmann zerbrechlich schön, in weiße Laken gehüllt, im Zwielicht des Übergangs.

Im Beisein von ihrem Lebenspartner Rainer Langhans und ihrer Schwester Gisela Getty stirbt Jutta Winkelmann am 23. Februar 2017, im Alter von 67 Jahren, in ihrer Münchner Wohnung.

Zitat aus dem Stern-Interview: „Ich hatte ein sehr starkes Lichterlebnis. Aber das war nicht so, wie man sich das vorstellt. Es war sehr schön. Deswegen habe ich jetzt keine Angst mehr vor dem Tod. Ich würde Ihnen gerne erklären, dass das Nichts nicht nichts ist. Aber ich finde nicht mehr die Worte. Habe nicht mehr die Kraft. Schade. Wenn ich jetzt ein Buch noch schreiben würde, was ich gerne würde, wäre es optimistischer, ich würde schreiben, dass man keine Angst haben muss, dass man definitiv zum neuen Leben kommt.“

Siehe auch:

Arno Luik: Es ist die Nachtfahrt der Seele. Interview mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann, Zeitschrift „Stern“, 24. Februar 2017 (Ouelle der Zitate)

Irmgard Hochreither: Gras, Koks und hochfliegende Ideen. Interview mit Jutta Winkelmann und Gisela Getty, Zeitschrift „Stern“, 20. Februar 2008

Rolf-Michael Hilkenbach

Es hat Alles nix mit nix zu tun! Die links-liberale und links konservative Lebensphilosophie

Es hat alles nix mit nix zu tun! Auf keinen Fall hat irgendwas mit Flüchtlingen und Islam zu tun. Und auf alle Fälle hat es nicht, mit den offenen Grenzen zu tun. All die schrecklichen Tötungsdelikte sind nur bedauerliche Einzelfälle, Taten von psychisch gestörten, verhaltensauffälligen Menschen. Und wenn es noch keiner verstanden haben sollte: Diese Menschen wurden verführt! Sie sind also niemals voll verantwortlich für das was sie tun. Schuld hat, wenn jemals von Schuld gesprochen werden kann, irgendwie nur der Staat, weil er nicht genügend Psychotherapie und Sozialpflege für diese bedauernswerten Menschen zur Verfügung stellt.

Und gegen Terrorismus kann man sowieso nichts ausrichten. Da wird man mit leben müssen. Für die Opfer unvermeidlicher Mordattentate können wir ja beten, falls da jemand etwas mit anfangen kann. Ansonsten bestellen wir die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten, die so schön betroffen tröstliche Worte von vorgefertigten Textblättern ablesen können. Und der Innenminister kann so schön auswendig Gelerntes vortragen. Es ist im Grunde immer das Gleiche, aber das ist nicht weiter schlimm, es wirkt irgendwie professionell, so als ob sie einen Kurs in Trauerbegleitung absolviert hätten.

Importierte, hochgefährliche Kriminalität? Nein….diese Menschen sind doch nicht schlimmer als einheimische Mörder, Totschläger und Vergewaltiger. Es gibt hier überhaupt keine Unterschiede. Und es ist eben ein Ausdruck von Freiheit, dass Menschen ihre Ausweispapiere wegwerfen können und mehrfach die Identität wechseln. Bäumchen Wechsel dich, ist doch ein spannendes Fangspiel. Es bietet dem Bundesgrenzschutz und der Polizei Gelegenheit zum Training. Und der BND Bundesnachrichtendienst hat auch etwas zu tun und kann etwas zu seiner Existenzberechtigung vorlegen.

Sogenannte „Gefährder“, oder besser gesagt lebende Zeitbomben, in Sicherheitsverwahrung nehmen? Oder moderne Technologie, wie elektronische Fußfesseln einsetzen? Nein… das geht doch nicht in einer offenen Gesellschaft. Wir sind ein Rechtsstaat! Und die Anzahl der „Gefährder“ ist doch bekannt, über 500 sollen es jetzt sein. Das muss doch reichen. Und das diese Leute ganz plötzlich verschwinden können und sich wie in Luft auflösen, ist eben Ausdruck einer immer komplexer werdenden Gesellschaft. Da kann man kaum etwas gegen tun. Und manchmal gelingt es ja einen zu erschießen oder es bring sich jemand selbst um, rechtzeitig bevor sie Informationen über ein terroristisches islamisch-salafistisches Netzwerk erzählen könnte. Das könnte nur die Aluhut-Menschen, die Verschwörungstheoretiker beflügeln.

Ja…die „Gefährder“ können unbehelligt durch ganz Europa reisen und ihre Kontakte in einem islamisch-salafistisches Netzwerk pflegen. Man geht einfach über die grüne Grenze oder einschlägige Reisebüros bieten günstige Pauschalangebote. Die uneingeschränkte Reisefreiheit in Europa muss aber auf alle Fälle erhalten werden. Lange Grenzen lassen sich eben nicht kontrollieren. Und ja……wir wissen um einen internationalen Handel mit Sprengstoffen und Waffen aller Art wo sich „Gefährder“ wie in einem Kaufhaus bedienen können. Und ja…. es gibt auch ein Beratungssystem für Terroranschläge. Was soll man auch dagegen machen!

Und wer es immer noch nicht verstanden haben sollte: Schuld haben immer die USA und Russland, ganz besonders Wladimir Putin. Und natürlich der Kolonialismus. Der ist schon lange vorbei, eignet sich aber immer ganz gut als Erklärungsmodell. Je nach Standpunkt können wir nebulös die eine oder andere Sicht einnehmen und die Welt ist wieder in Ordnung. Persönliche politische Verantwortung ist zu kompliziert.

Und Nein und nochmals Nein, wir dürfen auf alle Fälle keine Moscheen kontrollieren. Das sind Gotteshäuser, genauso wie die christlichen Kirchen. Einige hetzerische Prediger aus diesen Moscheen sind ja auch bekannt. Und wir wissen auch schon seit Jahren, dass es gerade im Ruhrgebiet Zentren von radikalen Islamisten gibt. Aber darüber darf man nicht viel reden. Es könnte zu einem Generalverdacht gegen den Islam führen.

Differenzierte Aufklärung kann sich unter Umständen ins Gegenteil wenden. Lieber überlassen wir die Bevölkerung einer wilden Spekulation. Das beweist dann doch noch einmal, dass eben Alles nix mit nix zu tun hat und die meisten Menschen eben dumm sind. Aufklärung ist eben nur was für ein besserwisserisches links oder auch konservativ liberales Establishment.

Wir klären euch darüber auf, wie es so in der Welt zu geht. Eure Sorgen und Ängste, sind für uns ein Amüsement, etwas wo man sich bei Bedarf drüber lustig machen kann. Und verdammt noch mal, wenn ihr nun absolut die AfD wählen wollt, oder den Trump in den USA, dann seht doch zu wie ihr fertig werdet. Wir haben mit euch und eurer Lebenswelt nichts aber auch gar nichts zu tun, ihr seid einfach zu blöd um die Welt zu verstehen. Wir haben unsere eigene Gesellschaft und die gewählte Regierung ist dafür da, dass diese „freiheitliche“ Gesellschaft erhalten wird. Wir brauchen diese absurden Nationen und Staaten nicht mehr. Wir leben grenzenlos, international, ätsch. Und warum? Weil wir es uns leisten können! Deshalb unterstützen wir auch TTIP und CETA und Europa. Da können vor allem WIR alles machen was WIR wollen, ohne diese kleinkarierten, kritischen nationalen Einmischungen. Wo kämen wir denn hin, wenn sich demokratische Institutionen ständig in unsere Lebenswelt einmischen.

Überrascht und wieder mal Betroffen

brigitte-hamann

Ich hatte es noch nicht mitbekommen! Und sofort war die Erinnerung wieder da, eine Begegnung im letzten Jahr 2015, im Sommer. Ich stand im Eingangsbereich der Villa Hügel. Eine blonde Frau stand an der Pförtnerloge und diskutierte mit einem Securitas-Mitarbeiter. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber wer war sie denn eigentlich noch? Es fiel mir nicht sofort ein und ich musste sie wohl sehr intensiv angeschaut haben. Sie merkte es, drehte sich lachend um. Ich sagte: „Irgendwoher kenne ich Sie.“ Sie schaute mich mit großen aufgerissenen Augen an und sagte: „Ja, jetzt raten Sie mal!“ Und blitzartig war der Name da: BRIGITTE HAMANN. Sie lachte wieder laut und rief: „Der Kandidat hat 99 Punkte!“ Ich war begeistert: Die berühmte Historikerin, Habsburg-Expertin und Bestsellerautorin stand vor mir. Dann hatten wir ein interessantes Gespräch. Sie interessierte sich sehr für die Krupp-Geschichte und wir waren uns einig, dass Alfred Krupp eine sehr interessante Person sei. Sie erzählte, dass sie auf einer kurzen Stippvisite in Essen sei, ihrer alten Heimat. Sie wollte aber jetzt wieder nach Wien, zurück an ihrem Schreibtisch. Ohne Schreiben, könnte sie nicht sein. Ich schlug ihr noch vor eine neue Biografie über Alfred Krupp zu schreiben. „Mal sehen, mal sehen“, rief sie lachend und drückte mir die Hand. Wir wünschten uns gegenseitig noch alles Gute, dann stieg sie in ein Auto, das auf sie wartete und ich winkte ihr hinterher.

BRIGITTE HAMANN wurde 1940 in Essen geboren. In Münster und Wien studierte sie Geschichte und Germanistik, machte eine Ausbildung zur Realschul-Lehrerin, später arbeitete sie als Ruhrgebietsjournalistin. In Wien heiratete sie den Historiker Günther Hamann. Die österreichische Geschichte wird von nun an ihr Hauptthema. Ihre Dissertation schreibt sie über das Leben von Kronprinz Rudolf und die Mayerling-Affäre. Die Arbeit wird 1000 Seiten lang. Eine abgespeckte Version „Rudolf – Kronprinz und Rebell“, ihre erste Buchveröffentlichung, wird sofort zu einem großen Erfolg.

Brigitte Hamann wollte unter Beweis stellen, dass wissenschaftlich-historische Arbeit nicht im Widerspruch zu guter Lesbarkeit stehen muss. Sie wollte breite Bevölkerungsschichten für historische Themen interessieren. Und das war ihr absolut gelungen. Brigitte Hamann war eine gute Historikerin, vor allem aber auch eine gute Geschichtenerzählerin.

Ihr darauf folgendes Buch, war die spektakuläre Biografie über Elisabeth von Österreich. Sie entdeckte die Tagebücher der Kaiserin und räumte in ihrer Arbeit mit dem Sissi-Kitsch auf. In dem Buch „Elisabeth – Kaiserin wider Willen“ zeichnete sie das Bild einer sehr depressiven, exzentrischen Frau mit narzisstischen Zügen.

Und mit noch einer Ikone der österreichischen Geschichte setzte sie sich kritisch auseinander: „Nichts als Musik im Kopf – Das Leben des Wolfgang Amadeus Mozart“.

Später beschäftigte sich Brigitte Hamann auch mit dem Nationalsozialismus. Mit „Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators“ öffnete sie ganz neue Perspektiven auf das Leben von Adolf Hitler. Ebenso spannend das Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“.

Hoch interessant auch ihre Bücher, über die Zeit des Ersten Weltkrieges: „Bertha von Suttner – Kämpferin für den Frieden“ und „Der Erster Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Texten und Bildern“.

Die FAZ nennt Brigitte Hamann in einem Nachruf „Die ungekrönte Königin im Reich der Historiker“. Der „Tagesspiegel“ charakterisierte ihr Werk und ihre Arbeitsweise mit der Überschrift „Akribische Enthüllungen“. Der britische Historiker Norman Stone rühmte im „Wall Street Journal“ das Werk von Brigitte Hamann als einen Triumph der Grundlagenforschung auf steinigem Feld.

Brigitte Hamann verstarb im Alter von 76 Jahren, am 4. Oktober 2016 in Wien.

Verantwortung und Terror, meine polemische Aufregung

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach; furchtbare Ereignisse in Deutschland, mörderische Taten, begangen von Zuwanderern aus anderen Ländern. Zahlreiche Menschen sind hier ums Leben gekommen. Kaum zu ertragen, die teilweise absurde öffentliche Diskussion um die möglichen Ursachen diese Angriffe: Die Täter mit Migrationshintergrund seien psychisch-sozial besonders belastet gewesen, vielleicht sogar regelrecht psychisch krank. Sie hätten einen ziemlichen Leidensdruck auszuhalten; so als ob solche Taten irgendwie als Kollateralschaden der Migration mit in Kauf genommen werden müssten. Müssen wir dafür irgendein Verständnis haben? Ich sage: NEIN!!! Für mich sind diese mörderischen Angriffe Verbrechen, schwerste Kriminalität, nichts anderes!

Hat jemand mal über den Leidensdruck der Opfer und ihrer Angehörigen nachgedacht?

Am schrillsten die absolute „Verharmlosungsthese“: Bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, sei wahrscheinlicher als bei einem Terrorakt getötet zu werden. Also mit anderen Worten: Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist vollkommen unberechenbar. So spielt halt das Leben.

Vergleichbares hört und liest man immer wieder auch, wenn es um sexuelle Übergriffe von männlichen Migranten geht (der „Kulturschock“, den die armen Menschen durchleben müssen). Die einzige Lösung: Frauen sollen sich im Umgang mit orientalischen Männern weniger freizügig kleiden und immer eine Armlänge Abstand halten. Und sie sollen natürlich bedingungslos akzeptieren, das man ihnen nicht die Hand reicht.

Schuld sind auf einmal nicht mehr die Täter, sondern die Opfer (und die Gesellschaft drum herum). Die Opfer werden zu Angeklagten.

Man stelle sich eine ähnliche Diskussion im Zusammenhang mit dem Unglück in Duisburg bei der Loveparade vor (Pech, wenn man an so einer Massenveranstaltung teilnimmt) oder bei den Morden der NSU (Die Mörder können nichts dafür, sie sind einfach nur dumm). Henry M. Broder hat vor Kurzem auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Jetzt werden auch noch die Informationsmedien in die Haupt-Verantwortung genommen: Man darf über solche Ereignisse nicht berichten, weil potentielle Nachahmer dann zu solchen Taten verleitet werden.

Und als die Krönung der präventiven Gegenmaßnahmen: Verstärkte Rucksack- und Zimmerkontrollen in Asylbewerberunterkünften und eine kritische Sicht auf gewaltverherrlichende Shouter-Videospiele.

Auch hier trägt wieder der Täter keine Verantwortung. Er wird zu einem willenlos Opfer stilisiert, vorrangig manipuliert durch äußere Einflüsse. Was für ein geistiger Blümchenkaffee!

Verantwortlich für diese Taten sind letztendlich die Menschen, die sie begangen haben und die Menschen (Politiker) die verantwortungslos und leichtfertig mit dem Phänomen Zuwanderung umgehen.

Zwei Zitate klären den Sachverhalt um den es tatsächlich geht.

Henry M. Broder in einem Artikel der WELT:
„Der Preis für die Politik der offenen Grenzen werden nicht die Einheimischen, sondern die Dazugekommenen bezahlen. Jede Warnung vor einem Generalverdacht (in Bezug auf die Flüchlinge) bewirkt genau das Gegenteil. Und jeder Hinweis auf die statistische Unwahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, bestätigt nur die Vermutung, dass die Gefahr zwar unberechenbar, aber allgegenwärtig ist“

Sahra Wagenknecht (Stellvertretende Vorsitzende der Partei DIE LINKE):
„Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer sehr großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern zumindest mit erheblichen Problemen verbunden und sehr viel schwieriger ist, als Frau Merkel uns das mit ihrem ‚Wir schaffen das‘ im letzten Herbst einreden wollte.“

Sex mit den „Domspatzen“

 

missbrauch

Und wieder ein Missbrauchsskandal aus dem kirchlichen Bereich. Diesmal ca. 700 Opfer bei den „Regensburger Domspatzen“

Zitat aus einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 8. Januar 2016

„Mindestens 231 Kinder sollen zwischen 1953 und 1992 bei den Regensburger Domspatzen misshandelt, weitere 50 sexuell missbraucht worden sein. Fast viermal so viele Opfer wie das Bistum bis dato eingeräumt hatte. Hier noch von Einzelfällen zu reden, wäre zynisch. Es handle sich um ein System, sagt Anwalt Ulrich Weber, den das Bistum vor einem Dreivierteljahr beauftragt hat, den Missbrauch bei den Domspatzen lückenlos aufzuklären. Mehr noch als die Zahlen erschrecken die Ereignisse hinter den Zahlen. Die sexuellen Übergriffe reichten „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“. Darüber hinaus seien die Kinder teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, mit dem Siegelring, mit dem Schlüsselbund. Und wenn eines der Kinder vor Angst ins Bett gemacht habe, sei es zur Strafe vor seinen Mitschülern bloßgestellt worden.“

Kinder sind in unserer Gesellschaft Verfügungsobjekte. Auch wenn sich das offen autoritäre gesellschaftliche Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen zu einem mehr partnerschaftlichen gewandelt hat, ist es doch eine Tatsache, dass immer noch Kindern ein Recht auf individuelle Existenz abgesprochen wird. Kinder haben Erwachsenen zur Verfügung zu stehen, ein soziales Anhängsel des erwachsenen Lebens, auf keinen Fall mehr. Kinder sollen die Wichtigkeit ihrer erwachsenen Bezugspersonen steigern, vor allem wenn andere sozialen Lebensbereiche dazu nicht taugen, sie sollen Erwachsenen einem Lebenssinn vermitteln, Kinder sollen das Prestige von Erwachsenen fördern, ein Aushängeschild für den eigenen Lebenserfolg sein….und gerade heutzutage sollen Kinder emotionale Bedürfnisse der Erwachsenen befriedigen, fehlende erwachsene, unbeständige Partnerschaft ersetzen, psychoemotionale Zuwendung sichern, drohende Einsamkeit kompensieren. Im Streitfall zwischen Erwachsenen wird vor Gericht über die Verfügung der Kinder gestritten, quasi ein Besitzrecht auf Kinder eingeklagt. Dieses verdeckt autoritär, ausbeuterische Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wird bisher nicht in Frage gestellt. Am Augenfälligsten zu studieren an der Skandalgeschichte um das exklusive Landerziehungsheim Odenwaldschule. Die Lehrer hatten keinerlei Skrupel die sexuelle Ausbeutung der Schüler mit einem seltsamen pädagogischen Ethos zu rechtfertigen.

In kapitalistischen Gesellschaftssystemen wird dieser Zusammenhang noch weiter forciert. Aus zwischen menschlichen Beziehungen soll Kapital geschlagen werden, im wahrsten Sinne des Wortes, wie an der zunehmenden Vermarktung von Kindheit zu sehen ist: Ein ausgeklügeltes Merchandising von Kindheit mit einer Vielzahl von Produkten soll die Kassen klingeln lassen. Das Kind als Konsument hat noch zu keiner Zeit eine so große Bedeutung erlangt. Das Kind soll gesellschaftlich effizient und effektiv sein, ganz auf die Bedürfnisse der Erwachsenenwelt abgestimmt. Die anscheinende Anpassung an kindliche Bedürfnisse dient einzig und allein der Gewinnmaximierung. Das Kind wird nicht als Individuum respektiert, sondern nur in Bezug auf einen speziellen Mehrwert für die Erwachsenenwelt. Ein Mehrwert, der Liebe, Attraktivität, soziale Anerkennung, materiellen Gewinn ….oder auch Sex verspricht. Und wenn das Kind nicht bereit ist diesen Mehrwert freiwillig, unkompliziert zu vermitteln, dann darf die Erwachsenenwelt diesen Mehrwert auch schon mal mit Gewalt einfordern; darüber herrscht ein Stilles einvernehmen oder ein nicht Wahr-Haben-Wollen, eine soziale Blindheit, denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Eignet sich das Kind für diesen speziellen Mehrwert nicht, kann es ganz gefährlich, gar lebensbedrohlich werden. Das Kind ist für den Erwachsenen dann nur noch Last, ein Problem, das auch schon mal in der Mülltonne entsorgt wird.

Nur vor diesem Hintergrund sind gesellschaftliche Phänomene wie sexueller Missbrauch von Kindern, Kinderprostitution und ein ungeheurer, weltumspannender Markt von Kinderpornografie zu verstehen. Das gesellschaftliche Verhältnis von Kindern und Erwachsenen ist ein ökonomisch geprägtes Machtverhältnis. Wir brauchen dringend eine politische und moralische Diskussion, die dieses Verhältnis kritisch reflektiert und hinterfragt. Die Missbrauchsskandale im kirchlichen Bereich sind hier nur ein Spiegel dieser Verhältnisse und in diesem Spiegel sollte sich die gesamte Erwachsenenwelt betrachten. Diese Skandale im kirchlichen Bereich sind problematischer als in anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen, weil hier eine christliche Moral vorgibt es besser zu machen, weil hier einer gottgegebenen und nicht weltlichen Ordnung gedient werden soll, weil gerade hier Kinder vor Ausbeutung, Gewalt, Missachtung, Willkür, Unterdrückung und Demütigung geschützt sein sollten. Umso größer ist hier die Verantwortung, da christliche Kirchen anspruchsvoll Lebensorientierungen vermitteln wollen. Umso intensiver muss das System sexueller Ausbeutung von Kindern im kirchlichen Lebensraum zum öffentlichen Thema werden.